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1001 Gramm

Hinreißende Allegorie auf das Unmeßbare im Leben

Mensch, wie das schon klingt: Bureau International des Poids et Mesures. Das knistert, das streichelt, das faucht sanft wie ein junges Kätzchen und steht am Ende für einen doch sehr nüchternen Ort, den man allein des Namens wegen erfinden müßte, wenn es ihn noch nicht gäbe.

Hier also trifft sich die Kollegenschaft aller Länder, wenn es darum geht, Standards in Maßeinheiten zu wahren, hier versammelt man sich bei einem Kiloseminar (!), um das jeweilige, wie einen Augapfel gehütete Referenzkilo jährlich kalibrieren zu lassen. Das klingt skurril, das ist es auch, und es gibt wohl keinen Besseren als Bent Hamer, der sich unserer Kauzigkeiten annehmen könnte. Im Zentrum seiner Geschichte steht Marie, eine Enddreißigerin mit Spuren im Mädchengesicht, ein eher zurückhaltender Mensch, zu dem die Arbeit im Eichamt durchaus paßt. Während ihr Ex klammheimlich die Koffer packt und in nächtlichen Aktionen das Haus ausräumt, vermißt Marie alles, was der Skandinavier geeicht zu brauchen glaubt: Waagen, Zapfsäulen, Wärmezähler, Blitzanlagen. Das akribische Protokollieren, die Zigarette danach, so läßt sich das eigene, derzeit sehr unnormierte Leben ganz gut verdrängen. Marie richtet sich ein in diesem Kosmos aus ontischem oder eben ontologischem Maß.

Doch da Hamer sich für den Menschen hinter seinem Tun interessiert, verläßt er dieses in Tonfall, Witz und teils auch beklemmender Spießigkeit an KITCHEN STORIES erinnernde Universum und schickt Marie auf eine Reise. Das nächste Seminar, bei dem sie für ihren Vater einspringen muß, findet wieder in Sèvres bei Paris statt, so darf man voller Hoffnung sein, daß die Ringe unter Maries Augen verschwinden, daß aus dem stillen Gesicht die Traurigkeit weicht ...

1001 GRAMM ist Bent Hamers vielleicht schönster, in jedem Fall sein menschlichster Film geworden. Und sein philosophischster auch – jenseits allem Lehrbuchhaften. Er hinterfragt, welches Leben eigentlich das richtige ist, eines, in dem alles durchstrukturiert ist, oder vielleicht doch jenes, in dem Platz für Überraschungen wäre? Er läßt in einer Szene Maries Vater Ernst darüber reflektieren, wieviel wohl nach dem Tod die menschliche Seele wiege. Die Meinung Wissender geht da von 21 Gramm aus, Ernst hält das für eine Übertreibung. Das ist zum einen von augenzwinkernder Lakonie, zum anderen rührt es auch an, da 1001 GRAMM von Endlichkeit erzählt und davon, welcher Sinn in allem überhaupt liegt. Warum prüfen Menschen Lottokugelsprungfedern oder forschen am Wattwaagenverfahren? Warum sind wir von dieser Sehnsucht nach Fixpunkten befallen, warum diese Gier nach Ordnung, dieses Tellerzusammenstellen, das Geschirrspülen, während die Gäste noch im Haus sind?

Wir sind komisch – auch davon erzählt Hamer hier mal wieder. Aber eben mit feinem Witz: Allein, wie er das internationale Kollegium mit einer zu Herzen gehenden Seriosität die an Kaffeespender erinnernden Urnen mit dem jeweiligen Referenzkilo tragen läßt, wie andächtig die Vertreter das Ur-Kilo von 1889 bestaunen, die Mutter aller Kilos, ein unter doppelter Käseglocke gehütetes Klötzchen aus Platin und Iridium! Das ist wirklich hinreißend, eine Verneigung vor scheinbar Kleinem und unstreitbar Essentiellem. Der feine Humor Hamers spiegelt sich auch in Blicken, sparsamen Worten und hilflosen Gesten der Zollbeamten wider, wenn Marie am Flughafen ihr suspektes Handgepäck zu erkennen geben muß.

Und bei allem wissenschaftlichen Anstrich gelang Hamer ein zutiefst romantischer Film, wozu gehört, daß selbst den lichtblauen Institutsfluren etwas Warmes inne ist, und daß er in Paris den Samen sät – für ein wunderbar verschiedenes Paar. Ebenfalls eine sehr schöne Eloge auf das Ungenormte.

Originaltitel: 1001 GRAM

Norwegen/F/D 2014, 91 min
FSK 0
Verleih: Pandora

Genre: Komödie, Schräg, Poesie

Darsteller: Ane Dahl Torp, Laurent Stocker, Stein Winge

Regie: Bent Hamer

Kinostart: 18.12.14

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.