Originaltitel: GOOD BOY
Polen/GB 2025, 111 min
FSK 16
Verleih: X Verleih
Genre: Psycho, Thriller, Drama
Darsteller: Stephen Graham, Andrea Riseborough, Anson Boon, Callum Booth-Ford, Austin Haynes
Regie: Jan Komasa
Kinostart: 04.06.26
Grundsätzlich soll zweifellos jeder nach seiner Fasson selig werden (oder es sich aus Seelenfriedengründen wenigstens selbst vorgaukeln), aber man trifft ja auch immer mal Leute, die zu ihrem eigenen Klischee erstarrt sind. Im schlimmsten Fall einem höchst unlustigen – Auftritt Tommy. 19 Jahre alt, nicht nur gewaltbereit, tatsächlich aktiv aggressiv, er präsentiert seine Übergriffe stolz auf Social Media. Kurz vor Schluß reißt eine knappe, aufschlußreiche Szene mit Mama Ursachen an, völlig erklärungsunwütig. Bevor es dazu kommt, gehen allerdings viel Herzblut, Schweiß plus manche Träne den Bach runter. Und Tommy gleich mit.
Wieder torkelt er besoffen und von Adrenalin überschwemmt auf der Straße, jemand rennt auf ihn zu, ein überraschter Schrei, Dunkel, das Erwachen im Keller eines Hauses am Rand des Nirgendwo. Dort lebt Chris nebst Gattin Kathryn, Sohn Jonathan und einer Teilzeithaushaltshilfe, Letztere bloß halbwegs freiwillig, ihre ominöse Vergangenheit degradiert sie zum Erpressungsopfer. Kolportiertes Ziel der Familie: Tommy resozialisieren, Ketten genauso inklusive wie Elektroschocks oder aufs Auge gedrücktes „Best Of“ seiner Missetaten. Hat hier jemand etwa zu oft UHRWERK ORANGE geschaut?!
Der Vergleich schmiegt sich praktisch sofort an, greift indes fehl, weil Regisseur Jan Komasa keine dystopische Vergeltungsphantasie inszeniert, sondern das bis zur beinernen Härte komprimierte Gipfeltreffen aus dem Takt geratener Menschen, gereiht um jenes Paar, welches auf engstem Raum eine Fernbeziehung unterhält, zwei fulminanten Mimen wortwörtlich auf den Leib geschrieben: Stephen Graham als Chris entwirft ein geducktes Mannsbild (mithin die Abbildung eines Mannes), dessen Arme seltsam tot herunterhängen, das sich Tommys Beschimpfungen nahezu devot anhört und irgendwie schon mitleidig berührend wäre, hielte er nicht den Taser. Meisterliche Schauspielkunst, trotzdem Platz 2 hinter Andrea „Kathryn“ Riseboroughs Charakterstudie, angesichts derer im Saal vor lauter angehaltenem Atem absolute Stille herrscht. Riseboroughs Weg führte von Fernsehfilmen und ignorierten Nebenrollen über Madonnas kaum herausforderndes Regievehikel W.E. der OSCAR-Nominierung für TO LESLIE entgegen – und sukzessive der dringend ausstehenden Krönung zur unbekanntesten Charakterdarstellungskönigin des Gegenwartskinos. Wie eine Todesfeekostümierung mutet es an, wenn sie, bleich geschminkt, im Nachtgewand stumm durch die Flure geistert, der Realität entrückt lange Blicke wirft, sieht, versteht. Und sich vor dem akustischen Hintergrund erflehter Hilfe bedrückt abwendet. Zunächst. Dann ganz langsam die festgetackerten Herrschaftsverhältnisse herausschält, den stotternden Motor am unrunden Laufen hält, versteckt unter einer dicken Schicht aus (vermeintlicher?) Nachsicht und Trauer. Was extrem schnell umschlagen kann, falls jemand die strikten Regeln bricht; da wird sogar Jonathans neugieriger Zug am Glimmstengel auf pädagogisch wertlose, rein machtbasierte „Pinkelt der Welpe den Küchenboden voll, stupst man ihn mit der Schnauze voran hinein“-Art bestraft. Parallel tönt die Versicherung ihrer Liebe, es geht schließlich allein um sein Bestes, analog zu Tommy.
Komasa entspinnt die Geschichte im zunehmend enthemmten Gevatter-Grimm-Modus, entfernt an Nutzen einbüßende Figuren nach Pflichterfüllung eiskalt und weiß, daß konventionelle Thrillerelemente à la „Reicht der gestreckte Arm zur Schublade?“ reingehören, weshalb er sie ohne Murren zufügt. Die wahre Hochspannung knistert hingegen aus Verschwiegenem, Angedeutetem, einer derart dichten Atmosphäre totaler Niederdrückung, daß ihre in schiere Paralyse zwingende Klebrigkeit Lebensfreude abwürgt, Gedanken vernebelt, Gefühle verkehrt. Fast könnte man darüber unseren mehr oder weniger bedauernswerten Tommy in Gewahrsam der mehr oder weniger edel motivierten Gefängniswärter vergessen, wartet insgeheim jedoch ständig auf die Abrechnung, brutale Befreiung. Zu banal für Komasa, seine Absichten schlagen erneut sich tief ins Gemütsfleisch bohrende Haken: Mindestens schmerzhaft vergiftet ist sie, diese verdammt beklemmende, nachtschwarze Parodie auf glückstiftende Happy Ends.
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...
Schauburg: OmU 19:45
Schauburg: 19:45
Passage Kinos: 17:45
Alle Angaben ohne Gewähr!