Österreich 2001, 90 min
Verleih: Real Fiction

Genre: Dokumentation

Stab:
Regie: Paul Poet
Drehbuch: Paul Poet

Kinostart: 06.02.03

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Ausländer raus! – Schlingensiefs Container

Was nun, Herr Demonstrant?

"Es war Feiertag, es war Wochenende und Wien hat geschlafen". Eine Mitarbeiterin der "Wiener Festwochen" beschreibt die Ruhe vor dem Schlingensief im Sommer 2000. Der Piefke war gekommen, um die Österreicher von ihren Fremden zu befreien, oder von der Lethargie - wie man’s nimmt. Im Handgepäck der Zorn auf die FPÖ, auf alle, die sie gewähren ließen, ein Megaphon und diese durch die TV-Show "Big Brother" inspirierte Idee: 1 Container, 12 Asylbewerber, 6 Kameras für die Life-Übertragung ins Internet. Hier konnte der gemeine User sich nützlich machen und seinen Favoriten der Landesgrenzen verweisen.

Jenseits der virtuellen brodelte die reale Welt und ereiferte sich vor der Wiener Oper. Die angereiste internationale Presse verbreitete das Ungeheure in verdaulichen Häppchen, der große Brocken an selbst mitgeschnittenem Material umfaßte derweil rund hundert Stunden. Was der Wiener Filmer Paul Poet daraus fürs Kino destilliert und um Interviews mit Beteiligten, Kritikern und Fürsprechern ergänzt hat, ist selbst nicht spektakulär. Seine Dokumentation ist als Chronik einer Ruhestörung Mittel zum Zweck, Echo einer offenbar geglückten Provokation, deren theatralisches Konzept Schlingensief der polarisierten Menge vor dem Container auf die Ohren haut: "Widerstand ist vorbei, sie müssen Widersprüchlichkeit erzeugen". Die Container-Bewohner erfahren prominenten Unterricht (Elfriede Jelinek) und ebensolche Unterhaltung (Einstürzende Neubauten). Schlingensief widmet sich derweil der eigenen medialen Wirkung - Betroffenheitsterrorismus ist seine Sache nie gewesen. Einer will sich auch abschieben lassen, der nächste fordert öffentliche Hinrichtungen, und alle stürzen in eine tiefe kollektive Verlegenheit: die gewaltsame Befreiung der Asylanten macht den Guten zum Spielverderber, das Abhängen des Ausländer-raus-Transparentes zwingt den ordnungsliebenden Schlechten zum Verrat an seinen Überzeugungen.

Die Moralfalle der Kunst ist so schmerzhaft zugeschnappt, daß einer resoluten Dame sogar die Schimpfwörter ausgehen: "Du Künstler, du!"

[ Sylvia Görke ]

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