8 Bewertungen

Boxhagener Platz

Vergnüglich-turbulenter Heimatfilm aus einem Berliner Mikrokosmos im Jahre ’68

Oma Ottis Welt gerät ins Wanken: Ihr Rudi, Nummer Sechs der ihr angetrauten Männer, liegt krank, aber noch nicht tot im ehelichen Bette, der Alt-Nazi Fisch-Winkler stellt ihr nach, und sie bemerkt ein Zittern in den Knien, wenn der ehemalige Spartakuskämpfer Karl aufkreuzt! Gut, daß Enkel Holger ihr zur Seite steht.

Das üppige Mittagsmahl bei Oma und die Wege zum Friedhof mit ihr sind aber auch für Holger wichtige Fixpunkte in einem Leben, das ansonsten aus der Bahn zu trudeln scheint. Auf der anderen Seite der Mauer gehen die Studenten auf die Barrikaden und feiern die sexuelle Revolution, in Prag fahren Panzer auf, und in Ostberlin, auch am Boxhagener Platz, wird die Stasi nervös. Holger befürchtet nicht zu Unrecht, daß die Mutter in den Westen abhauen könnte, auf der Flucht vor ihrem Ehemann, der seinerseits ins verantwortungsvolle Arbeitsleben als Abschnittsbevollmächtigter abtaucht. In das explosive emotionale Gemenge platzt eines Tages die Nachricht von Fisch-Winklers gewaltsamem Ableben – doch wer hat den alten Karpfenkopf abgemurkst? Wo war Opa Rudi, noch einmal auferstanden aus dem Bett, in der Tatnacht? Und wo kommen plötzlich die Flugblätter her? Während zu Hause Fetzen und Türen fliegen, und Oma sich in ein Turteltäubchen verwandelt, betätigt sich Holger als Hobbydetektiv. Wie nebenher erfährt er so einiges über die 68er, das Zusammenleben in einer Kommune, und wie man Frauen verführt. Aber dann passiert ihm ein Fehler, und ausgerechnet der von Oma angebetete Karl, inzwischen auch zum geschätzten (groß-)väterlichen Freund Holgers avanciert, gerät in Gefahr.

Reichlich Berliner Schnauze, also trockener Humor, ein großartiges Ensemble und der marode Charme eines Berliner Viertels in den 60ern sind die wesentlichen Zutaten, aus denen Matti Geschonneck einen turbulenten Heimatfilm zaubert, der im Kern eine anrührende Liebesgeschichte erzählt. Torsten Schulz, der nach seinem gleichnamigen Roman auch das Drehbuch verfaßte, ist ein großartiger Szenen- und Dialogschreiber – Wortwitz und Pointen fliegen einem nur so um die Ohren!

Zum Augenschmaus zudem gerät besonders eine hervorragende Ausstattung, die bis in kleinste Detail Vergnügen macht. Ob es die Kostüme sind oder die Bauten, die Ur-Berliner Eckstampe „Feuermelder“ etwa, oder der sozialistisch eingedeckte Abendbrottisch, man spürt, daß der Film seinen Machern Spaß gemacht hat. Nun also ist das Publikum dran.

D 2010, 103 min
FSK 6
Verleih: Pandora

Genre: Komödie, Schräg

Darsteller: Gudrun Ritter, Michael Gwisdek, Samuel Schneider, Meret Becker, Jürgen Vogel, Hermann Beyer

Regie: Matti Geschonneck

Kinostart: 04.03.10

[ Jane Wegewitz ] Für Jane ist das Kino ein Ort der Ideen, ein Haus der Filmkunst, die in „Licht-Schrift“ von solchen schreibt. Früh lehrten sie dies Arbeiten von Georges Méliès, Friedrich W. Murnau, Marcel Duchamp und Man Ray, Henri-Georges Clouzot, Jean-Luc Godard, Sidney Lumet, Andrei A. Tarkowski, Ingmar Bergman, Sergio Leone, Rainer W. Fassbinder, Margarethe v. Trotta, Aki Kaurismäki und Helke Misselwitz. Letzte nachhaltige Kinoerlebnisse verdankt Jane Gus Van Sant, Jim Jarmusch, Jeff Nichols, Ulrich Seidl, James Benning, Béla Tarr, Volker Koepp, Hubert Sauper, Nikolaus Geyrhalter, Thierry Michel, Christian Petzold und Kim Ki-duk.