Originaltitel: LA PETITE CHAMBRE

CH/Luxemburg 2010, 87 min
FSK 6
Verleih: Arsenal

Genre: Drama, Poesie

Darsteller: Michel Bouquet, Florence Loiret-Caille

Stab:
Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond
Drehbuch: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond

Kinostart: 29.09.11

4 Bewertungen

Das kleine Zimmer

Der Schmerz wohnt nebenan

Der Schweizer Filmpreis Quartz 2001 wurde diesem ersten abendfüllenden Spielfilm von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond verliehen. In Los Angeles wird sich ihr Debüt um einen Auslands-OSCAR bewerben. Und das, obwohl er so leise auftritt, daß man ihn (fast) überhören könnte, obwohl er so unspektakulär inszeniert ist, daß man seine präzise Struktur, seine sorgsam gewählten Einstellungen und Bildideen (fast) übersehen hätte. Sozusagen auf Strümpfen schleicht er sich einem ins Herz – als lebenskluges Gegenstück zum Demographen-Sprech von der „besorgniserregenden Alterung der Wohnbevölkerung“, mit Gespür für eine poetische Sphäre, die nicht über, sondern mitten im Alltag liegt, mit einem untrüglichen Sinn für die sozusagen gerechte Verteilung von Schmerz zwischen Alt und Jung, vorgestellt am Beispiel von Edmond und Rose.

Monsieur Edmond ist ein alter Herr, mit dem man schwer auskommt. Stur, bisweilen störrisch wie ein kleines Kind, verweigert er seinem Sohn jedes Verständnis für dessen berufliche Pläne. Den Namen von Jacques’ zukünftiger Ehefrau kann er sich, will er sich nicht merken. Und was Rose, die lästige junge Frau vom mobilen Altenpflegedienst, vor und nach ihren Besuchen bei ihm zu ertragen hat, interessiert Edmond kaum. Er ist das unangefochtene Zentrum seiner kleinen Welt. Er leidet unter dem Schwinden seiner Kräfte, mit denen ihm auch allmählich die Möglichkeit abhanden kommt, sein Leben ohne fremde Hilfe zu beherrschen.

Chuat und Reymond verordnen den beiden eine generationenübergreifende, unausgesprochene Komplizenschaft, in der sich die Altersgrenzen nicht aufheben, aber doch zueinander verschieben. Als Edmond nach einem Sturz im Krankenhaus landet und statt in seine Wohnung in ein Pflegeheim weitergereicht wird, überläßt ihm Rose (nicht ganz freiwillig) das unbewohnte Zimmer ihrer Wohnung. Der Sohn, für den es eingerichtet wurde, wird es nicht mehr brauchen.

Dieser titelgebende winzige Raum, als marginalste aller Nebensachen eingeführt, verdichtet sich allmählich zum Kulminationspunkt einer kleinen großen Geschichte über den Verlust von Leben und Lebenszeit, über das plötzliche Verschwinden von Wänden, an denen man sich ehemals festhalten konnte. An ihrem Ende steht ein alter Regenschirm, wie ein Ausrufezeichen in den Boden gerammt. Nichts weiter.

[ Sylvia Görke ]

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