CH 2008, 87 min
Verleih: Film Kino Text

Genre: Liebe, Tragikomödie

Darsteller: Philippe Graber, Johanna Bantzer, Emilie Welti

Regie: Micha Lewinsky

Kinostart: 27.01.11

1 Bewertung

Der Freund

Romantische Komplikation mit Lebenslüge

Manchmal kommt der Zweite vor dem Ersten. So bei Micha Lewinsky. Sein Film DIE STANDESBEAMTIN entstand eigentlich nach DER FREUND. Ein Glück, daß er trotz – oder wegen – Schweizer Dialekts beim deutschen Publikum auf Resonanz stieß, sonst wäre uns der ebenfalls dialektgeprägte Vorgänger womöglich noch entgangen.

Bei diesem nun stellt sich unweigerlich die Frage: Was hätte Hollywood daraus gemacht? Ein junger Mann gibt sich romantischen Schwärmereien hin. Nach dem plötzlichen Tod der bewunderten jungen Dame wird er durch einen Fehlschluß als ihr Freund identifiziert und nachträglich in ihre Familie aufgenommen. Er kann sich dieser Rolle nicht entziehen, zumal sie seinem langweiligen Leben Auftrieb gibt. Was problematisch wird, als er die Schwester der Verstorbenen besser kennenlernt. Daraus wäre doch sicher eine glasklare romantische Komödie geworden. Gut, die junge Frau läge natürlich nur im Koma und wachte schließlich wieder auf. Das Ganze hieße dann WÄHREND DU SCHLIEFST.

Der Vergleich lohnt sich nicht etwa deswegen, weil DER FREUND Schweizer OSCAR-Kandidat war, sondern weil er Lewinskys Talent offenbart, solche Stoffe auf ein sehr erträgliches Normalmaß herunterzubrechen, ohne sie auszutrocknen. Ein Drahtseilakt, ohne Frage. Zumal DER FREUND deutlich in Richtung Tragik auspendelt. Das unausgesprochene Thema, das alle Zurückgebliebenen zusammenschweißt, heißt Selbstmord. Der ungelenke Freund Emil, ein vorbildlich zugeknöpfter Student, der noch bei seiner Mutter wohnt und im wahren Leben niemals mit einem so entrückten Gitarrenmädchen wie Larissa zusammengekommen wäre, wird als Lebenslüge gebraucht. Er ist der Kitt, der es den Angehörigen erlaubt, sich Larissas Leben als normal vorzustellen. Vielleicht war es ja doch ein Unfall.

Direkt und schmerzlos erzählt, ohne die teils peinlichen Komplikationen auszuschlachten, reichen oft Gesten, um Entwicklungen zu verdeutlichen. Ein emotionales Hightlight etwa, wenn Emil seiner ängstlichen Mutter endlich verbietet, ständig den Schlüssel von innen steckenzulassen. Das Bemerkenswerteste ist jedoch, daß es Lewinsky auf dieser Grundlage gelingt, die Sache wieder ins Subtile, zum Teil staubtrocken Komische zu wenden. Prägend ist ansonsten auch der gleitende Sound der Singer-Songwriterin Sophie Hunger, die eigentlich Emilie Welti heißt und im Film als Larissa der Welt ihre Songs hinterläßt.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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