D/Österreich 2017, 113 min
FSK 12
Verleih: Tobis

Genre: Drama, Literaturverfilmung

Darsteller: Bruno Ganz, Simon Morzé, Johannes Krisch, Emma Drogunova, Regina Fritsch

Regie: Nikolaus Leytner

Kinostart: 01.11.18

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Der Trafikant

Lehre von den Genüssen

Es geht gleich deftig los mit Freiluftsex im strömenden Gewitterregen, das anschließende Bad im See überlebt der Fabrikbesitzer Alois Preininger jedoch nicht. Seine Geliebte Margarete Huchel muß nun allein mit ihrem schmalen Lohn als Kellnerin auskommen und sieht sich gezwungen, ihren bis dato verwöhnten 17jährigen Sohn Franz in die Lehre zu einem Jugendfreund zu geben. Vom beschaulichen Attersee im Salzkammergut verschlägt es den verträumten Burschen also in die Weltstadt Wien. Doch der Bub hat Glück, entpuppt sich sein Lehrmeister Otto Trsnjek (mit viel Herzblut: Johannes Krisch) als zwar knarziger, aber doch herzensguter Mensch. Der Kriegsversehrte führt eine Tabak-Trafik – so nennt man in Österreich kleine Läden mit Raucherbedarf, Zeitungen und Schreibwaren. 

Ein Trafikant verkaufe Genuß, belehrt Trsnjek gleich zu Anfang. Der Lehrjunge bezieht also das Hinterzimmer des Ladens und kennt sich bald in den Feinheiten des Geschäftes aus. Dazu gehört auch, täglich die verschiedenen Zeitungen zu lesen, um politisch im Bilde zu sein. 

Ein Stammkunde des Tabakbüdchens erweckt von Anfang an Franz’ spezielles Interesse: der sogenannte „Deppendoktor“ und mittlerweile über 80 Jahre alte Sigmund Freud. Bruno Ganz verkörpert ihn als altersmilden Menschenfreund, den die Direktheit des jungen Mannes erfrischt. Damit generiert Ganz ein sehr anderes Image von Freud, als die weithin bekannten Fotografien des streng dreinblickenden Vaters der Psychoanalyse suggerieren, Freud light sozusagen. Diese bisweilen zu stark menschelnde Freundschaft der zwei ungleichen Männer ist vielleicht der zarte Schwachpunkt der Romanverfilmung. Franz sucht beim berühmten Doktor Rat in Liebesdingen, hat er sich doch unglücklich in die fesche Böhmin Anezka verliebt. Das dralle Madl spielt mit dem unerfahrenen „Burschi“, taucht auf und entschwindet alsbald. Auf Anregung von Freud hin beginnt der junge Mann, seine Träume aufzuschreiben, um so sich selbst auf die Spur zu kommen.

DER TRAFIKANT nach dem gleichnamigen Bestseller des österreichischen Autors und Schauspielers Robert Seethaler nimmt sich viel Zeit, um in die Gänge zu kommen. Liebevoll wird das Zeitkolorit mittels sorgfältig ausgesuchter Kostüme und authentischer Ausstattung ausgepinselt. Eine deftige Sinnlichkeit durchzieht viele Szenen – essen, trinken, rauchen, lieben, lesen und schreiben. Franz lernt körperliche und geistige Genüsse kennen. Geschickt spielt der Film mit der Erwartungshaltung der Zuschauer, er bedient sie, um sie im nächsten Moment zu unterlaufen – bis zum konsequent erzählten, bitterbösen Ende.

Unerwartete Wendungen sorgen immer wieder für Überraschungsmomente. Ist der erste Teil vor allem eine Initiationsgeschichte im anheimelnden Historienmantel, ändert sich mit dem Anschluß Österreichs ans Deutsche Reich im März 1938 abrupt die Tonlage. Die zuvor im Hintergrund dräuenden politischen Bedrohlichkeiten verdrängen nun die privaten Befindlichkeiten. Der aufrechte Trsnjek steht selbst in dieser dunklen Zeit zu seinen Überzeugungen, den Juden Freud schützt nur sein weltweiter Ruhm vor dem Zugriff der Nazis, und Franz wird jäh erwachsen. Der einstmals naive Junge vom Land zeigt dann mehr Courage als die meisten seiner Zeitgenossen.

[ Dörthe Gromes ]

Lesezeichen:

Der Trafikant ab heute im Kino in Leipzig

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