CH/D 2009, 93 min
FSK 6
Verleih: Real Fiction

Genre: Dokumentation

Regie: Vadim Jendreyko

Kinostart: 18.03.10

4 Bewertungen

Die Frau mit den 5 Elefanten

Faszinierendes Porträt einer großen Übersetzerin

Nein, Vadim Jendreyko entführt uns nicht auf eine Safari – Afrika und auch die weiße Massai sind fern. Die Frau in seinem Film, Swetlana Geier, ist ebenso wenig eine Dompteuse, und ihre Passion sind mitnichten schwergewichtige Dickhäuter – es ist vielmehr die Literatur. Ihre große Lebensanstrengung galt zuletzt Dostojewskijs fünf großen Romanen, von ihr selbst „die fünf Elefanten“ genannt, und diese Arbeit bestätigte ihren Ruf: Swetlana Geier, heute 87 Jahre alt, gilt als die größte Übersetzerin russischer Literatur ins Deutsche.

Jendreyko hat mit seinem dokumentarischen Porträt dieser unermüdlichen Schöpferin – Sprache und Leben, Arbeit und Alltag fügen sich bei Geier in Eins – kein verklärendes Denkmal gesetzt, er nähert sich seiner Protagonistin mit großer Sensibilität, als zumeist stiller, genauer Beobachter. Sein Film erzählt von einer Passion, der nichts Zwingendes anhaftet, von einer Frau, die keine Bändigerin der Sprache ist, sondern auf einer immerwährenden Suche nach ihr, nach der besten Übertragung, nach einer Vermittlung zwischen zwei Sprachen, die den Ursprungstext erhält, auch das erspürt und transportiert, was sich zwischen den Zeilen entfaltet.

Kunstvoll verwebt Jendreyko die außergewöhnliche Lebensgeschichte dieser Frau mit ihrem Schaffen. Früh verliert die 1923 in der Ukraine Geborene den Vater, der Stalins politischen Säuberungsaktionen zum Opfer fällt. Nach dem Einmarsch der Deutschen wird ihre beste Freundin, eine Jüdin, eine unter 30 000, in Babij Jar ermordet. Swetlana Geier selbst wird nur wenig später im Dienst der Besatzer stehen, und schließlich verschlägt es sie nach Deutschland. Mit dem Greuel zweier Diktaturen konfrontiert, trifft sie aber auch immer wieder Menschen, die ihr das Überleben ermöglichen. Jendreyko hat sein Porträt mit Archivmaterial vom Zeitgeschehen versehen, spartanisch ist sein Kommentar, behutsam und dabei genau ist seine Fragestellung; die Kamera sucht Sinnbilder für das Gesprochene und fängt die leiseste Regung des Gegenübers ein.

Schlußendlich begleitet der Regisseur seine Protagonistin, die heute einer Großfamilie vorsteht, die, von weiteren Schicksalsschlägen nicht unangefochten, immer wieder zu ihrer Arbeit zurückfindet, auf einem großen Abenteuer: Nach 65 Jahren reist Swetlana Geier noch einmal in die Ukraine. Es ist die Reise einer weise gewordenen Frau.

[ Jane Wegewitz ] Für Jane ist das Kino ein Ort der Ideen, ein Haus der Filmkunst, die in „Licht-Schrift“ von solchen schreibt. Früh lehrten sie dies Arbeiten von Georges Méliès, Friedrich W. Murnau, Marcel Duchamp und Man Ray, Henri-Georges Clouzot, Jean-Luc Godard, Sidney Lumet, Andrei A. Tarkowski, Ingmar Bergman, Sergio Leone, Rainer W. Fassbinder, Margarethe v. Trotta, Aki Kaurismäki und Helke Misselwitz. Letzte nachhaltige Kinoerlebnisse verdankt Jane Gus Van Sant, Jim Jarmusch, Jeff Nichols, Ulrich Seidl, James Benning, Béla Tarr, Volker Koepp, Hubert Sauper, Nikolaus Geyrhalter, Thierry Michel, Christian Petzold und Kim Ki-duk.

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