Originaltitel: EN GANSKE SNILL MANN

Norwegen 2010, 107 min
FSK 12
Verleih: Neue Visionen

Genre: Tragikomödie, Schräg

Darsteller: Stellan Skarsgård, Bjørn Floberg, Jorunn Kjellsby, Gard B. Eidsvold, Bjørn Sundquist

Regie: Hans Petter Moland

Kinostart: 09.12.10

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Ein Mann von Welt

... fängt deftig noch mal neu an

Auf Norwegens Straßen herrscht strenge Ordnung: Unter anderem landen Frauen, die nicht einparken können, schnell im Müllcontainer. Okay, das ist nicht dezent, aber witzig. Und teilweise symptomatisch für das Gesamtpaket. Dieses dreht sich um Ulrik, soeben aus dem Gefängnis entlassen, wo er, nach einem Mord verpfiffen, volle zwölf Jahre verbrachte. Gangsterboss Jensen bildet das Begrüßungskomitee und hat neben großen Plänen auch eine Bruchbude als Schlafplatz besorgt, bei seiner längst verblühten Schwester Karen Margarete (Erkennungsmerkmale: hängende Mundwinkel und Oma-Schlüpfer). Diese heftet alsbald ihr Auge auf Ulrik und verlangt für Zimmer sowie Essen täglich Sex, welchen er routiniert hinter sich bringt. Wenn’s besonders gut war, reicht die Dame sogar Kompott. Eine Stärkung, welche unser Ex-Knastbruder gebrauchen kann, denn es gilt, den Verräter umzubringen ...

Das alles kommt oberflächlich betrachtet recht rustikal daher, doch wie so oft steckt der Hintersinn im Detail. Etwa dann, wenn sich Proletin Karen Margarete was vermeintlich Netteres überwirft, Einsamkeit und Liebesbedürfnis aus dem – immer noch schrecklichen – neuen Outfit schimmern, und „Ich hab’ ja auch Gefühle!“ plötzlich nicht mehr wie eine Schutzbehauptung klingt. Oder Ulrik gegenüber der Freundin seines Sohnes verleugnet wird, weil man so einen Vater ja nun mal am besten verschweigt. Ein vollwertiges Drama braucht man deswegen, je nach Vorliebe, zwar nicht zu erwarten oder befürchten, trotzdem ragen solche Spitzen aus der schon derben Komik heraus.

Beim Stichwort „herausragend“ sei auch sofort Stellan Skarsgård erwähnt: Wie schlampig er diesen ganz und gar nicht Mann von Welt gibt, wie stoisch Skarsgård eigene und fremde Leben quasi von außen betrachtet, wie wortkarg er schließlich für so manchen Schicksal spielt, das hat ohne Frage Stil. Und tröstet locker über das stellenweise gedämpfte Erzähltempo hinweg.

Das wirklich Schöne, vielleicht Naive, aber auf jeden Fall Mitzunehmende ist dann allerdings doch die Selbstverständlichkeit, mittels derer EIN MANN VON WELT trotz jeder Brutalität – man lausche dem Klang brechender Knochen – und einigen Trash-Appeals Ulrik gewährt, was das Leben entgegen sprichwörtlicher Meinung nur selten rausrückt: eine zweite Chance. Zum Dank für so viel Optimismus gab’s den Publikumspreis der 10. Filmkunstmesse.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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