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Ihr Name ist Sabine

Die Dokumentation der französischen Schauspielerin Sandrine Bonnaire über ihre jüngere Schwester beleuchtet das Thema Autismus.

Eine junge Frau tanzt zu Musik von Joe Cocker und schaut dabei immer wieder direkt in die Kamera. Ihr Blick ist eindringlich und hellwach. Mit 38 Jahren sitzt diesselbe Frau erschöpft und 30 Kilo schwerer auf einem Sofa und kann ihre trüben Augen kaum offen halten. Sie bewegt sich schleppend und ungern. Bereits die erste Parallelmontage verdeutlicht, daß Sandrine Bonnaires Dokumentation über ihre ein Jahr jüngere autistische Schwester Sabine eigentlich von zwei Leben handelt: einem aktiven und selbstbestimmten vor einem fünfjährigen Psychiatrieaufenthalt und dem hiervon gezeichneten, in dem hoch dosierte Medikamente Sabines Ängste und Aggressionen dämpfen, allerdings auch ihre frühere körperliche und geistige Vitalität einschränken.

Unter den Geschwistern hatte Sabine sich zwar immer schon "auffällig" verhalten, war aber in ihre Familie integriert. Als der große Bruder stirbt, und die Mutter mit ihr aufs Land zieht, wird Sabine zunehmend aggressiv. Die Familie fühlt sich überfordert und bringt die Tochter in eine psychiatrische Klinik, in der sie fünf Jahre lang bleiben wird. Später wird sie in ein Heim eingewiesen, wo sie große Fortschritte macht. Aber die Angst, verlassen zu werden, will nicht mehr weichen.

Bonnaire konzentriert sich darauf, Sabines heutigen Alltag in einem betreuten Wohnheim in der französischen Provinz zu beobachten. Die medikamentenbedingte Langsamkeit der Bewohner setzt die Regisseurin in einen entsprechenden Erzählrhythmus um. Wir sehen Sabine bei der Gartenarbeit zu, während der sie wiederholt um eine Pause bittet; beim Kleiderkauf in der Stadt, wo sie einem Straßenmusiker mitfühlend Geld spendet; oder beim Ausflug ins Schwimmbad, in dem sie die Besucher mit einem ihrer spontanen Schreianfälle erschreckt und den Ticketverkäufer mit „Leck mich am Arsch, Monsieur“ begrüßt. In einer Minute verteilt Sabine liebevoll Küsse und Umarmungen, in der nächsten schmeißt sie ihren Teller auf den Boden, beißt sich in die Hand oder schlägt zu. Nachts läßt sie sich sicherheitshalber in ihr Zimmer einschließen. Briefe, Fotos und Geschenke verschließt sie in einer Truhe, um das, was ihr lieb ist, nicht selbst zu zerstören. Sie ist in der Lage, ihre Bedürfnisse verbal auszudrücken, den Wunsch zu verreisen bekräftigt sie dennoch mit einem versuchten Sprung aus dem Fenster.

Erklärungen zu Sabines Verhalten erhält man vereinzelt durch Off-Kommentare von Sandrine Bonnaire und ihrem Gespräch mit einer Therapeutin, einige Fragen bleiben jedoch bis zum Schluß offen. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist IHR NAME IST SABINE berührend und einsichtig, da er die Komplexitäten und scheinbaren Widersprüche der Porträtierten vor allem dokumentiert und sie nicht übermäßig psychologisiert und zerredet.

So wie Bonnaire in ihrer Inszenierung Bilder der Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander stellt und vergleicht, ist ihre erste Regiearbeit zu einer sozialkritischen Anklage und einem persönlichen Abschied von der jugendlichen Sabine geworden. Am Ende fragt die Regisseurin, Drehbuchautorin und Kamerafrau aus dem Off, ob sie je wieder mit ihrer kleinen Schwester verreisen wird. Viele Momente in der Dokumentation demonstrieren die häufig impulsiven und für Außenstehende schwer durchschaubaren Reaktionen von Autisten.

Der Film unterstreicht Bonnaires Ansicht und gewinnt seine Spannung aus den Unterschieden zwischen Sabines Selbstwahrnehmung, der Fremdwahrnehmung ihrer Schwester und den Eindrücken, die beim Zuschauen daraus entstehen.

Originaltitel: ElLLE S'APPELLE SABINE

F 2007, 85 min
FSK 0

Genre: Dokumentation

Stab:
Regie: Sandrine Bonnaire
Drehbuch: Sandrine Bonnaire

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