D 2008, 84 min
Verleih: Salzgeber
Genre: Dokumentation, Schräg
Regie: Peter Geyer
Kinostart: 22.05.08
Eine Bühne, ein Mikrofon, das aussieht wie eine kleine Diskokugel. Der Saal der Deutschlandhalle in Berlin gefüllt mit fast 5000 Zuschauern. Und Kinski. Schmal, fast zerbrechlich steht er im Kegel des Scheinwerfers. Er fängt an, seinen selbstverfaßten Text zu rezitieren. Dreißig Seiten sind zu schaffen. Schon nach fünf Minuten die ersten Zwischenrufe. Er, Kinski hätte ja seine Millionen schon sicher. Kinski fährt die Stimme hoch und unterbricht seine Beschreibung von Jesus - " ...und er hatte keine große Schnauze" schreit er in die Diskokugel.
Viele Zuschauer scheinen nur gekommen, um Kinski zu provozieren und gegen seine vermeintliche Rolle als selbsternannter Erlöser zu pöbeln. Interessanterweise sind es aber genau die, die auf Tumult aus sind, die den einsamen Mann auf der Bühne in diesen Part drängen. Spätestens nach der zweiten Unterbrechung der Bühnenshow, die auf Rufe wie "Phrasendrescher", "Faschist" und "Arschloch" folgt, sind die Fronten verhärtet. Kinski kotzt seinen Monolog förmlich ins Publikum. Er, den sie ans Kreuz nageln wollen und vor ihm ein Haufen Pharisäer. "Wäret ihr doch heiß, oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke euch aus!"
Folgt man der Entwicklung des Abends von 1971, welcher als einer der wenigen Auftritte Kinskis mit Kameras dokumentiert wurde, muß man ihm recht geben. Niemand im Saal konnte es mit dieser leidenschaftlichen Besessenheit und dem selbstzerfressenden Pathos Kinskis aufnehmen. Man kann zusehen wie er litt und um Jahre alterte, sich quälte und kämpfte, nur um diesen Text sprechen zu dürfen, über einen der " ...furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen." Doch genauso wenig wie ihn ein Großteil des Publikums ernst nehmen wollte, ließ Kinski an seiner Macht als Künstler kratzen. Er forderte den Respekt, der seiner Arbeit zusteht und scherte sich einen Dreck um demokratische Diskussionskultur.
Peter Geyer, der Kinskis Nachlaß verwaltet, hat die 135 Minuten Live-Mitschnitt in eine Form gebracht, die der Stimmung des Abends gerecht wird. Und damit Kinskis Wunsch entsprochen, das Material nach seinem Tod zu editieren. "Denn dann werden sie mich endlich vermissen." Wir tun es und verneigen uns vor einem genialen, umstrittenen Menschen, Künstler, Schauspieler und Rezitatoren.
[ Susanne Schulz ] Susanne mag Filme, in denen nicht viel passiert, man aber trotzdem durch Beobachten alles erfahren kann. Zum Beispiel GREY GARDENS von den Maysles-Brüdern: Mutter Edith und Tochter Edie leben in einem zugewucherten Haus auf Long Island, dazu unzählige Katzen und ein jugendlicher Hausfreund. Edies exzentrische Performances werden Susanne als Bild immer im Kopf bleiben ...
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