Originaltitel: LIFE

GB/D 2015, 112 min
FSK 0
Verleih: Square One/Universum

Genre: Biographie, Drama

Darsteller: Robert Pattinson, Dane DeHaan, Ben Kingsley

Regie: Anton Corbijn

Kinostart: 24.09.15

1 Bewertung

Life (2015)

Eine filmische Melodie wie feinster Jazz

Dennis Stock hat einige unglaublich atmosphärische, in ihrer kompositorischen Eleganz zeitlos schöne Fotos geschossen. Und das vor allem von Jazz-Musikern. Und da vor allem von jenen aus der Ära des Cool-Jazz, als Stock wie kein Zweiter das Wesen dieses Sounds ins Visuelle zu übertragen vermochte. Raffiniert und lässig, distanziert und doch das melancholische Wesensinnere treffend mit einem genauen Augenblickklick. Blue Notes In Black And White. Phantastisch! Für Miles Davis etwa dokumentierte er die Aufnahmesessions zum überirdischen „Kind-Of-Blue“-Album, und als irgendwann im letzten Jahr in einer Kurzmeldung zu lesen war, Anton Corbijn (und wer, wenn nicht er?) drehe einen Film über Dennis Stock, zuckte für einen Moment die Hoffnung auf, der einstige Musiker-Fotograf Corbijn rücke in eben diesem Film genau das irgendwie in den Fokus: den Musiker und den Fotografen, den Klang und das Bild.

Es wurden dann aber – nicht wirklich überraschend, wenn auch ein wenig schade – der Schauspieler und der Fotograf. Denn natürlich: Die berühmtesten Bilder Stocks sind die, die er 1955 für das „Life“-Magazin von James Dean machte. Vor allem eins davon geriet in den Ikonenstatus des kulturellen Gedächtnisses. Der Schauspieler, einsam auf dem winterlichen Times Square, mit Mantel, hochgezogenen Schultern, Zigarette – wer kennt das Bild nicht? James Dean ist es also, auf den sich in LIFE das Objektiv richtet. Und weil sich in Dean etwas verkörperte, etwas Ausdruck suchte und fand, was in dieser Zeit in der Luft lag, dieses Knistern einer atmosphärischen Unruhe, einer bevorstehenden Veränderung, ist auch LIFE ein Film über diese Zeit geworden. Corbijn gelingt es, Themenstränge zu erzählerischen Melodielinien zu bündeln, die dann tatsächlich so unprätentiös pulsieren und fließen wie eine Jazzballade im Midtempo.

Da sind die konservativen Spielregeln gesellschaftlicher Erwartungen und diese zwei jungen Männer, Dean und Stock, die, bei allen charakterlichen Unterschieden, nicht willens und auch nicht fähig sind, diese Erwartungen zu erfüllen. Und da ist dieses Suchen nach dem anderen, dem neuen, künstlerisch authentischeren Ausdruck. Oder dem, was man für neu und authentisch hielt (und hält) in der Darstellung vor und im Blick durch die Kamera. Die Handlung treibt dabei vom sonnengoldenen Los Angeles ins graukalte New York und hin ins schneeweiße Indiana, zur Farm von Deans Tante und Onkel, auf der er aufwuchs, und wo der Film seinen Mittel- und Ruhepunkt findet. In der Sicherheit der Familie öffnet Dean sich anders, gelingen die Bilder des (scheinbar?) Nicht-Inszenierten.

Corbijn ist mit LIFE ein stilsicherer und kluger Film gelungen. Über Bilder und ihre Wirkkraft, über gestellte Posen und unverstellte Echtheit, aber eben auch über die Echtheit, die in der Pose liegen kann. Was ja fast irgendwie Pop definiert. Und Kino sowieso. Wann ist ein Bild echt und wann nicht? Und wann ist es ein Gefühl?

Am Ende von LIFE stehen zwei Aufbrüche. Für Dean in den schnellen Starruhm und den baldigen Tod. Für Stock zu neuen, anderen Sujets. Er wolle Jazz-Musiker fotografieren, sagt er Dean zum Abschied. Ein schöner Moment. Blue Notes In Black And White. Und fast bedauert man, daß Corbijns Film bunt ist.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.