D 2017, 92 min
FSK 0
Verleih: X Verleih

Genre: Komödie

Darsteller: Lucas Gregorowicz, Anna Bederke, Sandra Borgmann, Jasna Fritzi Bauer

Regie: Sönke Wortmann

Kinostart: 29.06.17

5 Bewertungen

Sommerfest

Diese Menschen muß man mögen

Natürlich braucht es triftige Gründe, wenn einer wie Stefan sich aufmacht, um von der Bühne des schmucken Münchner Residenztheaters in die Provinz nach Bochum zu eilen. Und natürlich hat dann dort einer wie Stefan eigentlich überhaupt keine Zeit, um mit dem in uralten Erinnerungen kleben gebliebenen Schulkumpel Toto irgendeinen blöden Schrank mal schnell aus Gladbach abzuholen. Sein Vater ist gestorben, in der Küche erinnern ein umgestürzter Stuhl und etwaige Essensreste auf dem Teller daran, was durch Oma Sternik in deren „Trinkhalle“ noch einmal in aller Herzlichkeit reüssiert wird: „73, kein Alter, nich, beim Mittachessen, wenigstens jing es schnell, umgekippt, und gut is’!“

Daß Stefan ohnehin kaum Zeit für Trauer hat, daß er als Schauspieler nur eine müde Antwort auf die permanente Frage „Muß man Dich kennen?“ weiß, und daß er letztlich doch mit Toto, der erkenntnisreich darüber reflektiert, warum ausgerechnet er immer die Frauen abkriegt, die schon so aussehen, als würden sie sich nicht waschen, auf der A40 oder B1, wie sie früher hieß, in Richtung Gladbach unterwegs ist, um das erwähnte Möbelstück aus, sagen wir mal, prekären Verhältnissen zu holen, spricht alles für die Entspanntheit des lakonischen Films von Sönke Wortmann.

Wortmann ist in der wunderbaren Lage, überhaupt nichts beweisen zu müssen. Der Mann kann vieles – von der massenwirksamen Komödie bis zur schmissigen Bestsellerverfilmung, von einer ebenfalls publikumswirksamen Gemeinheit aus dem Lehrerzimmer bis hin zu diesem ruppig-charmanten Kiez- und Milieustück, dessen Vorlage, man vermutet es, wieder aus der Feder des Pottschen Volkserzählers Frank Goosen stammt. Was gut so ist, sind von ihm doch auch die Bücher zu LIEGEN LERNEN und RADIO HEIMAT, gerade Letzterer ist ebenso fabelhaft in dieser merkwürdigen Region des Ruhrpotts verankert. Die Menschen von da muß man echt mögen, ganz ohne Doppelzüngigkeit, sie sind irgendwie angenehm gestrig, kauzig bis bekloppt, ehrlich bis auf Mark und Bein, Machenschaften gehören trotzdem zum guten Ton. Und durstig sind sie sowieso ...

Wortmann erzählt wie durch ein Fingerschnippen von Bestattern, die ihre Arbeit mit einem Partyservice vergleichen, vom Grill-Imbißbetreiber Hassan, der im Pott ganz sicher der einzige ist, der Gyros und Currywurst kann, von Typen, die beim Mittagspils von Stefan, dem Schauspieler, dringend wissen wollen, wie die Ferres privat so ist, und ob er nicht mal ’n Gesicht machen könne ... Unverkrampft und mit liebevollem Blick wird auf einen Rückkehrer geschaut, der sich in der Ferne noch nicht gefunden und seine Wurzeln nie ganz aus den Augen verloren hat, und der durch seine Jugendliebe Charlie erkennt, daß Lebensträume nicht immer durch die Decke gehen müssen. SOMMERFEST tut überhaupt nicht so, als würde von Größerem als dem normalen Leben erzählt, der Film taugt zur charmanten Reflexion über das Zwischenreich des Älterwerdens.

Und noch einmal zu den von Wortmann und Goosen so wunderbar gezeichneten Typen: Zur Herzlichkeit dieses besonderen Menschenschlages zwischen 50er-Jahre-Platte und Zechenmuseum gehört eben auch, daß selbst am Grabstein Zeit für einen kräftigen Witz sein muß! Stefan wird übrigens von Lucas Gregorowicz gespielt, und der ist echt gut, wie er sich da im übergroßen Anzug des Vaters durch die Provinz schlägt, weshalb man sich fragt: Warum ist der so selten im Kino zu sehen? Der kann mehr als nur LAMM-/LOMMBOCK, kann geschmeidig versnobbt und auch mit Lebenskratzern, kann den arroganten Hund und den verkannten Romantiker. Doch, doch, den will man öfter sehen ...

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

Lesezeichen:

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1 Meinung zur Rezension oder zum Film

[ 30.06.17, 10:45:58 – Mimi ]
Leider hat Sommerfest nicht meinen Erwartungen entsprochen. Ich komme selbst aus dem tiefsten Ruhrgebiet und bin mit Toto (Nicolas Bodeux) sogar zur Schule gegangen. Dieser überholte, melancholische Blick auf den guten alten Pott und die teilweise lehrstückhaften Monologe sind kaum zu ertragen. Man hat den Eindruck, dass die Stadt Bochum und die Ruhrtourismus GmbH ein Erklärstück bestellt hätten. Keine Frage - der Film ist kurzweilig, Figuren, Dialoge und Settings sind schön, der Humor ist derb und typisch ruppig, aber das alles kratzt nur an Oberfläche, genauso wie die Liebesgeschichte. Und warum wird das Ganze mit melancholischer spanischer Gitarrenmusik übergossen, wenn das Ruhrgebiet eine großartige eigene Musikkultur bietet - sogar jenseits von Grönemeyer. Die Adaption wird dem Roman leider nicht gerecht. Schade eigentlich.




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