Originaltitel: WE ARE X

GB/USA/J 2016, 95 min
FSK 12
Verleih: Interzone

Genre: Dokumentation, Musik

Regie: Stephen Kijak

Kinostart: 12.10.17

Noch keine Bewertung

We Are X

Big In Japan

Frontman und Schlagzeuger Yoshiki schlägt und trommelt wie ein Wilder. Hinter ihm grelles Licht, Gitarrensounds schweben in der Luft. Vorne wird gesungen und geschrien. Es knallt und kracht und explodiert. Es ist eine Art Zaubershow, die die Band X auf der Bühne veranstaltet, und die eingefleischten Guns N’ Roses- oder Smashing Pumpkins-Fans, Kiss-Liebhabern oder Meat-Loaf-Verehrern sicherlich gefallen dürfte. In den vergangenen 35 Jahren haben die Rocker aus Japan rund 30 Millionen Platten verkauft und die größten Hallen gefüllt. Dennoch dürften sie in Europa eher Insidern ein Begriff sein. Woraus die Schranken ihrer Popularität bestehen, verschweigt der Film leider. Gleichzeitig macht er es möglich, dieses musikalische Phänomen aus Asien zu entdecken. Und er fängt von vorne an.

Japan, 1982. Zwei 17jährige Schulfreunde gründen eine Band. Ihre Musik ist anders als alles, was das höchst konservative Japan bis dahin gehört hat. Eine Mischung aus Metal, Rock und Industrial mit Theatereinlagen. In exzentrischen Auftritten mit hochtoupierten Punkfrisuren und schwarzen Lederklamotten schreien und trommeln Yoshiki Hayashi und Toshimitsu Deyama – später kommen weitere Bandmitglieder hinzu – den eigenen Coming-Of-Age-Schmerz in die Welt hinaus. Aggression wird in Musik übersetzt. Fünf Jahre später unterschreiben sie einen Plattenvertrag bei Sony Music. Bis heute sind sie die berühmteste Rockband Japans.

Immer wieder werden Bilder von schreienden Fans vor Hotels oder in Stadien eingeblendet, kostümierte Jugendliche, die vor Aufregung in Tränen ausbrechen. Dieses Archivmaterial erinnert an Konzerte der Beatles oder der Rolling Stones. Der Film erzählt aber nicht nur die Bandgeschichte, er ist eben auch klassische Rockstar-Verehrung. Der Held auf der Bühne, oberkörperfrei. Mystisch und unnahbar genug, um als Projektionsfläche zu funktionieren. Wie aus dem rebellischen Jugendlichen ein durchgestylter Schönling wurde, bleibt dennoch ein Rätsel.

Heute fährt Yoshiki Hayashi in teuren Autos vor, seine Haut ist faltenfrei, die Augen versteckt hinter einer getönten Sonnenbrille, die gefärbten Haare hängen gut frisiert über den Ohren. Und wenn der feingliedrige und androgyne Mann über den Schmerz seiner Kindheit erzählt, der nie vergeht, dann ist das auf seine Art echt und gleichzeitig der Blick auf eine menschliche Fassade, von denen die Musikindustrie so einige hervorgebracht hat. Am Ende bleibt Yoshiki eine Kunstfigur, eine Art Fabelwesen mit dem Hang zur musikalischen Perfektion.

[ Claudia Euen ]

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.