Antonioni-Retrospektive

02.05.–12.05.2012

Schaubühne Lindenfels

Michelangelo Antonioni

Ein Perfektionist würde 100

Am 30. Juli 2007 starb Michelangelo Antonioni. Er drehte schon lange keine Filme mehr. Aber daß dieser große Gestalter des Kinos noch immer seine Augen auf die Filmwelt richtete, gab einem das gute Gefühl, die Gleichschaltung im Filmbetrieb des 21. Jahrhunderts hätte eine Grenze. Aber wie am Ende von BERUF: REPORTER öffneten sich mit seinem Tod die Gitter vor den Fenstern, und man konnte die Angst spüren, daß das Böse am Ende doch gewinnt.

Die Schaubühne hält dagegen und veranstaltet zum 100. Geburtstag Antonionis bereits jetzt eine umfangreiche Retrospektive. Dabei können seine einflußreichsten Filme gesehen werden. Neben dem bereits genannten und seiner ersten Arbeit, einem Beitrag in LIEBE IN DER STADT, kann auch DIE ROTE WÜSTE endlich wieder auf großer Leinwand bewundert werden. Für seinen ersten Farbfilm ließ Antonioni damals Bäume und Wiesen streichen. Er war eben Perfektionist. Und seine Filme – aktuell und zeitlos zugleich. Wie die Darstellung des Versuchs einer Liebe in LIEBE 62, der die Unfähigkeit zweier junger Menschen, eine Beziehung aufzubauen, beschreibt. Leere in den Städten und in den Menschen war sein Thema, und bis heute ist der Schluß des Films die einfallsreichste Darstellung dieser doppelten Leere, wenn noch einmal all die inzwischen leeren Orte gezeigt werden, wo sich die Verliebten einst trafen.

Überhaupt ist Leere ein immer wiederkehrendes Motiv. Große, betonierte Flächen, horizontal und vertikal, und in einer Ecke ganz am Bildrand Jeanne Moreau – in DIE NACHT geht es um das Zerbrechen einer Ehe. Antonioni, selbst gelernter Architekt, hat die Kälte moderner Architektur, die auf die Gemüter der Menschen abfärbt, oft benutzt. Gefunden hat er seine Motive in Mailand, Rom, London oder Los Angeles. Dort, in der kalifornischen Wüste, drehte er ZABRISKIE POINT und ließ die Überflußgesellschaft in Form einer riesigen Villa samt Einrichtung in Extremzeitlupe in alle Einzelteile zerbersten.

Das Spätwerk Antonionis steht unter dem Schatten körperlichen Verfalls. Nach einem Schlaganfall in seinem Körper gefangen, war er nur noch mit Hilfe von Wim Wenders in der Lage, seinen letzten Film JENSEITS DER WOLKEN umzusetzen, in dem er frühe Kurzgeschichten lose miteinander verknüpft. Was für ein Schicksal für einen Mann, der als Regisseur immer alles daran setzte, die Kontrolle zu haben. Vor allem über die Bilder. Wie der Fotograf seines vielleicht berühmtesten Films BLOW UP, der anhand von Vergrößerungen seiner Fotos versucht, einen Mord aufzuklären.

[ Marcel Ahrenholz ] Marcel mag Filme, die sich nicht blind an Regeln halten und mit Leidenschaft zum Medium hergestellt werden. Zu seinen großen Helden zählen deshalb vor allem Ingmar Bergman, Andrej Tarkowskij, Michelangelo Antonioni, Claude Sautet, Krzysztof Kieslowski, Alain Resnais. Aber auch Bela Tarr, Theo Angelopoulos, Darren Aronofsky, Francois Ozon, Jim Jarmusch, Christopher Nolan, Jonathan Glazer, Jane Campion, Gus van Sant und A.G. Innaritu. Und, er findet Chaplin genauso gut wie Keaton ...


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