chai. Chinesisches Filmfestival

12.02.–15.02.2020

Cinémathèque

www.chai-filmfestival.de




Bild: A WOMAN IS A WOMAN

Meine Familie und ich – Geschichten aus dem Mikrokosmos

Ein Blick auf Chai. Chinesisches Filmfestival

Ob diese siebte Ausgabe Glück verspricht? Wir versuchen’s herauszufinden, Diversität wird definitiv geboten: Im Gegensatz zum Vorjahr gebührt die Eröffnung einem solcher Ehre würdigen Film, CONFUCIAN DREAM heißt er und beobachtet Chaoyan, Mutter des kleinen Chen, welchen sie konfuzianischen Regeln folgend erzieht und lehrt. Chaoyan fokussiert auf Moral und Harmonie, bemerkt aber nicht, wie ihre positiv gedachten Bemühungen zur Chen unter Druck setzenden Tyrannei mutieren. Die Doku brodelt förmlich vor emotionaler Energie, erspürt Chaoyans eigene Zerrissenheit, kontrastiert zurückliegende sorgenfreie (Ehe-)Phasen und geradezu obsessives Jetzt, schält festgefahrene Strukturen innerhalb eines komplett dysfunktionalen Miteinanders heraus, ohne auf simple Schuldzuweisungen hinzuarbeiten.

Familiäre Erdbeben thematisiert auch A WOMAN IS A WOMAN aus völlig anderer Perspektive: Nach ihrer Geschlechtsangleichung lebt Transfrau Sung als Gattin und Stiefmama ein neues Leben – bis ihr Mann zufällig die bislang verschwiegene Vergangenheit enthüllt. Parallel dazu können Chius religiös strikte Eltern nicht akzeptieren, daß der 16jährige Jungenkörper ein Mädchen beherbergt. Zur Verbindung jener zwei Schicksale dienen manche tolle Idee, ein Hauch Mystik oder teils sehr berührende Szenen ebenso wie Überraschungsfreiheit der Handlung und recht steifes Schauspiel.

Apropos Aufwachsen unter belastenden Bedingungen: In A FIRST FAREWELL verbringt Isa seine Tage auf dem Dorf relativ unbekümmert, trotz schwer erkrankter Mutter. Das ändert sich, ihr Zustand gerät zur unberechenbaren Bürde, außerdem soll Isas Spielkameradin Kalbinur weggeschickt werden, um weit entfernt fleißig Mandarin zu lernen. Wenn zur Anpassung gemahnender Drill bereits Schulkinder trifft, endet jede Individualität – die Regisseurin erzählt aus persönlicher leidvoller Erfahrung. Und schafft eine wunderschön anzuschauende, bewußt zurückgenommene und stille Ereignischronik, deren einzahliger Titel sogar mehrere Abschiede streift, denen sich Isa viel zu früh ausgesetzt sieht.

Nun reisen wir in UP THE MOUNTAIN gen Dali, tiefste Provinz, größte Ruhe, keine Hektik. Ideales Arbeitsumfeld für Zeichenlehrer Shen, Protegé Zhao allerdings fühlt sich beengt, will raus, die Stadt ruft! Ein dokumentarisch beackertes, optisch grandioses Spannungsfeld entsteht, eine Studie der Langsamkeit lädt uns ein runterzuschalten, den Alltagsstreß temporär abzuschütteln. Bevor man sich dann dem Getümmel von PRESENT. PERFECT. hingibt, eine spannende Collage aus Existenzschnipseln betrachtet: Millionen Chinesen streamen permanent allerlei Aktivitäten, geben private Einblicke, suchen flüchtigen Ruhm, möchten ein Taschengeld verdienen oder die Einsamkeit bekämpfen. Wir sehen zwei Stunden lang Ausschnitte.

Und schließlich sei eine weitere Doku direkt ans Herz gelegt: Maleonns Vater, einst berühmter Bühnenregisseur, leidet zunehmend an Alzheimer. Der Künstler inszeniert für seinen Papa ein autobiographisches Abenteuer, zusammengefügt aus vom Verlust bedrohten Erinnerungen. Was die ehemals ziemlich losen Bande zwischen beiden Männern strafft und stärkt, muß andererseits gegen Budgetprobleme und die unerbittlich davonrennende Zeit angehen … Liebevoll, intelligent, oft audiovisuell berückend, philosophisch, aufwühlend, unsentimental – OUR TIME MACHINE bejaht die anfängliche Frage unmißverständlich, ist tatsächlich reines Kino-Glück!

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...


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