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Die Bestechlichen

Vom Versagen des kritischen Journalismus in der Corona-Krise

[ 30.10.2020 ] Jeder, der ein, zwei Sätze verletzungsfrei lesen und dementsprechend eigene Gedanken fassen kann, müßte unterscheiden können zwischen infiziert und erkrankt. Ebenso dürfte die Definition einer Pandemie über die Zahl der Erkrankten und Toten im Verhältnis zum gesunden Rest geläufig sein, und dennoch jonglieren die Regierungen der Welt aus Dummheit (die bekanntermaßen grenzenlos ist) oder purem Verunsicherungskalkül lieber mit den Zahlen der Infektionen, die naturgemäß höher liegen und über eine etwaige Bedrohungslage wenig bis nichts aussagen. Das Ergebnis ist bekannt:

Viele Menschen haben Angst, verzichten auf eigene Schlüsse, und wenn sich eine verängstigte Gesellschaft hinter den Vorgaben der politischen Eliten verschanzt, ist kritischer Journalismus wichtiger denn je – und bis auf wenige Ausnahmen schwer auszumachen.

Ganz direkt: Ich bin enttäuscht vom Großteil der Kollegen im politischen Fach, die ihrer Bestimmung nicht nachgehen. Fragen stellen, Behauptungen anzweifeln, Fakten prüfen, eigene Schlüsse ziehen, oder wie es der Deutsche Presserat benennt: „Die Aufgabe des Journalismus ist, die Wahrheit, die Menschenwürde und die wahrheitsgemäße Unterrichtung der Bevölkerung einzuhalten, Nachrichten und Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, Falschmeldungen richtigzustellen.“ Also auch Geschehnisse und Lagen einordnen, keiner Hysterie verfallen oder in blindem Gehorsam folgen. Was passiert indes? Seit Beginn der Krise wird von vielen Journalisten unkommentiert durchgewunken, was sich die Regierung in Ahnungslosigkeit oder aus Berechnung an Panikmeldungen und Katastrophenprophezeiungen, Maßregelungen und Bevormundungen, Bußgeld- und Drohszenarien ausdenkt.

Und noch immer werden der Bundeskanzlerin und ihren Fach- und Regionalgehilfen in rotbäckiger Ehrfurcht vor dem Amt kaum kritische Fragen gestellt. Man muß aber fragen, wie sich beispielsweise die Uneinsichtigkeit ob überzogener Maßnahmen mit dem Amtseid der Kanzlerin verträgt, schwor sie doch, ihre Kraft dem Wohle des deutschen Volkes zu widmen, seinen Nutzen zu mehren, Schaden von ihm zu wenden, das Grundgesetz zu wahren und zu verteidigen. Diesen Schwur hat sie mit unverhältnismäßigen Zumutungen mehrfach gebrochen, trotzdem tippen die Pressekollegen brav die Angsttiraden der Politik in die Zeilen – statt durch eigene Recherchen zu vielleicht ganz anderen Schlüssen zu kommen. Kaum ein kritischer Kommentar ist zu lesen, wenn Merkel, die nun vollends vom Modus einer bedächtigen Naturwissenschaftlerin in den der gestrengen Heimleiterin schaltete, schon wieder zum Stubenarrest, Händewaschen und Räumelüften aufruft, wenn ihr nicht einmal mehr deutsche Wörter zur ach so heftigen Bedrohungslage einfallen und sie nach einer flapsigen, der doch vorgeblich so ernsten Lage kaum angemessenen Bezeichnung wie „tricky“ greift. Manches mag unter Petitesse zu verbuchen sein, besorgniserregend ist aber die Tendenz zum Unterlassungs- und Gefälligkeitsjournalismus, Kollegen, die sich diese Form des Verschweigens bezahlen lassen, sind im Prinzip bestechlich.

Paradebeispiele, wie kritischer Journalismus eben nicht geht, liefern aktuell neben einem Teil der Tagespresse die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, in deren Talkshows die immergleichen Gäste auflaufen. Man duldet neben dem Panikorchester aus der aufgekratzten Nervensäge Lauterbach, dem zugeschalteten Dicke-Hose-Söder, der Kanzleramtsbräsigkeit Braun und dem sich zu häufig widersprechenden Staatsvirologen Drosten kaum andere Stimmen. Die Talkdamen Maischberger und Will knicken vermutlich auf Druck vom Sender ein und laden kritische Äußerer wie den Epidemiologen Sucharit Bhakdi oder Walter Plassmann, Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, nicht in ihre Sendungen, weil deren Meinungen, die sie gut begründen, nicht gehört werden sollen. Das Problem ist, daß die Politik, die eigenen Wahrheiten vertreten sehen will, in den Fernseh- und Verwaltungsräten allzu feste Sitze hat.

Es paßt nicht ins Spektrum der Angstmacherei, wenn einer wie Plassmann sagt, daß es vielen Ärzten „ ...schon im April aufgefallen ist, daß es eine Diskrepanz gibt zwischen der politisch-medialen Aufgeregtheit und dem, was sie erleben! Speziell bei Corona ist die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, sehr gering, die Wahrscheinlichkeit zu erkranken, hoch gering und die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken oder gar zu sterben, äußerst gering. Das sind die Botschaften, die Politik und Medien aussenden sollten, anstatt die Ausnahme zur Norm zu machen“, so Plassmann im „Hamburger Abendblatt“, eines der wenigen Regionalblätter, die sich noch trauen, anderen Sichtweisen Platz einzuräumen. Also bitte, mit so einem muß man doch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen diskutieren, das ist mal einer, der nach echten, dem Leben zugewandten Lösungen sucht. Dem „Gesundheitsexperten“ Lauterbach hingegen sei mit seiner lärmigen Schwarzmalerei unbedingt eine Pause vergönnt. Und uns ganz dringend von ihm.

Neben der ARD hat sich auch das ZDF verstärkt dem unkritischen Journalismus verschrieben. Ein Beispiel aus vielen gefällig? Claus Kleber, Nachrichtenmann beim Zweiten, liebt es ja, ein sorgenvolles Gesicht zu machen, dazu einen knarzig-provokativen Schmelz auf die Stimme gelegt, scheint er auf dem Angriffspedal zu stehen, um dann doch nur Vollbremsungen hinzulegen. Wie kürzlich beim Gespräch mit Drosten. Da log der Wissenschaftler den Fernsehzuschauern frech ins Gesicht, indem er behauptete, daß sich für den Herbst die Ausweitung der Maskenpflicht als perfekte Maßnahme empfehle, weil man ja nun endlich Evidenz habe, wie wirksam diese sei. Spätestens da hätte Kleber doch nachfragen müssen, von welcher Evidenz die Rede ist, und wie sich diese dreist erdachte Wirksamkeit mit steigenden Infektionszahlen in manch besonders strengem Maskenland und -ländle wie beispielsweise Spanien und Bayern erklären läßt. Was aber tut Kleber? Er verabschiedet sich mit „Danke, Professor Drosten!“ Ein Lehrstück für alle Journalismus-Studenten, die es einmal anders machen wollen.

Die können sich auch gleich noch bei YouTube das unkritische Angeschmiere des „Tagesthemen“-Kollegen Ingo Zamperoni beim Gespräch mit Bill Gates antun. Zamperoni legte Gates brav die Antworten in den Mund, spielte den Glaskugel-Mediziner, indem er schon Mitte April wußte „ ... daß es ja immer klarer wird, daß wir die Pandemie nur mit einem Impfstoff in den Griff kriegen“ und äußerte selbst dann kein kritisches Wort, wenn Gates schwadroniert „ ... wir werden den Impfstoff sieben Milliarden Menschen verabreichen, und wir werden die Entscheidung für einen schnellen Impfstoff auf einer geringeren Datengrundlage als üblich fällen, um schnelle Fortschritte zu erzielen.“ An einem wie Gates muß man sich, jenseits jeder Verschwörungstheorie, reiben, er kann kein Heiland sein, kein bedingungsloser Gönner. Es ist doch so: Da will ein schwerreicher Unternehmer mit der Entwicklung und dem Verkauf von Impfstoffen noch mehr Geld verdienen, schon daher ist dessen Engagement kritisch zu beobachten. Zamperoni leistet sich aber keinen einzigen skeptischen Zwischenton, zu freudig ist seine Erregung darüber, daß nun so ein ganz Großer in seinem Karriere-Poesiealbum verewigt ist. Peinlich.

Undenkbar ist in diesen Tagen, daß das GEZ-Fernsehen kritische Berichte wie einst arte in 2009 mit „Das Geschäft mit der Schweinegrippe“ bringt. Übrigens geisterte da auch schon Drosten mit seinen Fehleinschätzungen, die fatale Folgen für nicht wenige hatten, rum. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Drosten erdachte sich immer neue Drohszenarien und bekam für seinen schweren Fuß auf dem Panikpedal sogar noch das Bundesverdienstkreuz verliehen. Daß er wie selbstverständlich annahm ...

Es ist interessant, daß derzeit die meisten kritischen Journalistenstimmen aus dem Hause Springer zu kommen scheinen. Beispielsweise von „Die Welt“-Herausgeber Stefan Aust. Der hat sich gefragt, warum ein derart intransparentes Durcheinander mit den Corona-Zahlen herrscht, warum man eigentlich Infizierte zählt, statt Tote und Erkrankte intensiver zu beleuchten, und hat in einem bemerkenswerten Essay gleich drei Institutionen als ahnungslos und vertuschend enttarnt: die Bundesministerien für Gesundheit und Inneres sowie das RKI. Aust kommt in seiner Recherche zu einem Ergebnis, welches der Politik nicht in den Kram paßt, nämlich, daß es in 2020 auf der Welt wohl zu einer Untersterblichkeit kommen wird, ja, auch in den USA und in Brasilien. Die, die jetzt schreien „Genau! Wegen der Maßnahmen!“, denen sei in dem Fall etwas unhöflich einfach mal „Klappe halten“ empfohlen, bis sie aufhören, schulterklopfendes Politgeschnatter nachzublöken und doch lieber Evidentes liefern, wie eben Aust mit seinem glaubwürdigen Bericht. Eine Quintessenz des Essays: Das Jahr an sich ist, was Geburts- und Todesraten angeht, ein recht normales, man muß also dringend in Frage stellen, ob es sinnvoll war, wie entschieden wurde und wird.

Journalisten sind auch dafür da, gesellschaftliche Debatten anzustoßen, sie dürfen nicht zu Gesinnungsgehilfen der Politik werden. Kritischer Journalismus ist gerade in diesen Zeiten nichts weniger als eine entscheidende Achse stabiler Demokratie. Eine demokratisch gewählte Regierung, die ihr Volk mit an Willkür und reiner Machtdemonstration gemahnenden Maßnahmen zurechtweist, die mehr zerstört als bewahrt, braucht dringend ein demokratisches Korrektiv. Und das kann und muß kritischer Journalismus sein. Aust hat in seinem ausgewogenen Text übrigens auch die Maßnahmen selbst hinterfragt und kommt, was das Tragen einer Maske angeht, zu bitterer Erkenntnis: „Die Maske muß der Maske wegen getragen werden. Als Symbol für Gehorsam den Maßnahmen der Regierenden gegenüber.“ Ich würde weiter gehen: Allein, daß wir unter Androhung von Geldstrafen und Hausverweisen verdonnert werden, die Maske zu tragen, ohne daß deren Notwendigkeit erwiesen ist, verstößt gegen den Artikel 1 des Grundgesetzes von der Unantastbarkeit der Würde. Denn nichts anderes ist das unverhältnismäßige Zwangsverhüllen, das aufgedrückte Maulkorbtragen als – würdelos.

Es ist ohnehin paradox: Die Politik schützt mit den Maßnahmen die Kranken vor den Gesunden. Sollte es nicht umgekehrt laufen? Die Panikmache nimmt aktuell wahrlich groteske Züge an, und trotzdem fühlen zu wenige Journalisten den Lenkern des Landes auf den Zahn. Merkels größtes Problem ist doch, daß sie sich ausschließlich von Leuten beraten läßt, die sowieso ihre Einschätzungen teilen. So vermehrt sich aber kein Wissen, das für Entscheidungen relevant wäre. Müßte die Physikerin eigentlich wissen ... Nach Drosten soll es nun der Scharfmacher und Physiker-Kollege Michael Meyer-Herrmann richten, der Merkel schon die überholte Formel von 50:100.000 ins Ohr flüsterte und die Kanzlerin hartnäckig zum Lockdown drängt. Merkel vertraut zudem auf Rechenübungen diverser Mathematiker! Deutschland hat es wirklich schwer erwischt – es sind nun neben einem Tierarzt im RKI reine Zahlenfüchse, die uns den kläglichen Rest an verbleibender Lebensqualität ausrechnen.

Doch zurück: Der Trend zum Milchzahnjournalismus ist kein gänzlich neuer, entfaltet sich nur in der Corona-Krise bestens. Los ging es schon vor Jahren, als zahlreiche Publikationen durch Auflagenschrumpfungen zu sparen begannen, und diverse Tageszeitungen zu sogenannten Redaktionsnetzwerken zusammengeschlossen wurden, was zur Folge hatte, daß statt journalistischer Diversität bundesweit in zahlreichen Städten der gleiche kommentarlose Brei zu lesen war. Den derzeit beißfaulen Politjournalisten möchte man dringend den Griff zur DVD empfehlen. Mindestens zwei Filme sollten sie daran erinnern, aus welchem Holz Journalisten gemacht sein können: Alan J. Pakulas DIE UNBESTECHLICHEN und Steven Spielbergs DIE VERLEGERIN.

Nun geht die Hoffnung bekanntermaßen als Letzte von Bord, daher will ich mich in vager Zuversicht üben. Traf ich doch kürzlich beim Sport einen Studenten, bei dem ich mir nicht sicher war, ob ich ihn in mitleidvoller Erregung spontan in die Arme schließen oder mir doch noch das Herz warm werden sollte, als er mir von seinem Berufswunsch erzählte: Journalist.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.