Originaltitel: ANOMALISA

USA 2015, 90 min
FSK 12
Verleih: Paramount

Genre: Puppentrick, Drama, Liebe

Regie: Charlie Kaufman

Kinostart: 21.01.16

6 Bewertungen

Anomalisa

Ein Engel von Charlie

Bekanntermaßen gebiert Charlie Kaufmans phänomenales Gedankenuniversum regelmäßig genial absonderliche Drehbücher, von dem zu BEING JOHN MALKOVICH über HUMAN NATURE bis VERGISS MEIN NICHT! Allesamt meisterhaft, und doch legt der Mann nun als Ebenfalls-Regisseur noch einen Zacken drauf – ausgerechnet, indem er geerdet bleibt, bloß selten abhebt, das Zauberkunststück vollbringt, mittels Puppentrick (!) eine Geschichte zu erzählen, die menschlicher kaum sein könnte.

Wobei solche Form andererseits gut paßt, weil Protagonist Michael ganz offensichtlich hilflos wie eine Marionette an den Fäden des Schicksals baumelt. Der Motivationstrainer/Autor checkt gerade im Hotel ein, ruft die recht wenig euphorische Gattin an, bringt das desaströse Treffen mit einer Verflossenen hinter sich – und trifft Lisa, seinen vielleicht größten Fan. Man teilt die kommende Nacht miteinander, zuerst redend, dann auch sexuell, schließlich einander liebend zugetan ...

Grandios, wie Kaufman da einen bezwingenden Erzählbogen über allerlei Details spannt, welche Michael zum Außenseiter degradieren: Schon der asthmakranke Taxifahrer verbietet ihm eine Zigarette, der gequälte Hilferuf „I Think I Might Have Psychological Problems ...“ verhallt ungehört im All ich-bezogener Kommunikation, sogar ein „Toy Store“ ist nicht mehr das, was man erwarten durfte. Und dann kracht Lisa, dieser ständig stolpernde Engel, aus den Wolken in Michaels irdischen Mikrokosmos, himmelt ihn an, bricht die Menschenmauer, hat eine eigene Stimme. Letzteres darf man wörtlich verstehen, weil abgesehen von Michael und Lisa alle anderen Figuren (egal, ob Mann, Frau oder Kind) im Original Darsteller-Urgestein Tom Noonan bewußt gleichartig synchronisiert, so akustischen Einheitsbrei ums Geschehen klatscht, dem Jennifer „Lisa“ Jason Leigh und David „Michael“ Thewlis umgekehrt Verbalkunststücke voller Lebendigkeit entgegensetzen. Was für ein brillanter Einfall, welch‘ hervorragende Umsetzung!

Der Zuschauer vergißt darob tatsächlich schnell, hier Puppen zuzusehen, lernt zwei gebrochene Charaktere kennen, genießt manchmal typisch skurrile Kaufman-Momente, wird viel häufiger tief berührt. Etwa dann, wenn Michael Lisa fragt, ob er sie auf ihre Narbe, den vermeintlichen äußerlichen Schandfleck, die Wurzel aller tiefstempfundenen Häßlichkeit, küssen darf. Herzzerreißendes, einzigartiges, atemraubendes Kino – von der ersten bis zur unverändert extrem wahrhaftigen letzten Minute.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

Lesezeichen:

1 Meinung zur Rezension oder zum Film

[ 24.01.16, 21:19:59 – Kaput ]
Wer hat das denn verbrochen? Der Film ist weder herzzereißend noch einzigartig nocht atemberaubend. Ich würde ihn eher mit bemühter, langweiliger Grütze umschreiben. Eigentlich fehlt alles: Eine auch nur im Ansatz spannende Handlung, halbwegs interessante Charaktere oder Dialoge, bei denen sich wenigstens ein bisschen Mühe gegeben wurde. Dabei bietet sich das Roboter-Thema gerade zu an, frei zu drehen und Absurdes zu bringen. Selbst 90 Minuten gegeseitiges Anschweigen ist spannender. Schade, dass man solchen großen Aufwand für die Animationen betrieben hat, um den langweiligsten Film zu drehen, an den ich mich erinnern kann. Wahrscheinlich wollten die Filmemacher ausreizen, wie öde ein Film werden kann. Ich bin ehrlich entsetzt.




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