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Das Waisenhaus

Das Grauen hat sich eingemietet

Spukgeschichten gehören zum Gruselkino einfach dazu, weswegen man sich beim Lesen der folgenden Inhaltsangabe wohl keiner Illusion bezüglich Innovationen hingeben mag. Solche Voreingenommenheit wäre allerdings verfrüht, da Guillermo del Toro produzierend hinter dem Werk steht – tatsächlich ein Qualitätssiegel.

Mit del Toro als Mentor erzählt Spielfilmdebütant Juan Antonio Bayona von Laura, im titelgebenden Waisenhaus aufgewachsen und 30 Jahre später dorthin zurückkehrend. Ihr Mann und sie kümmern sich liebevoll um den kranken Sohn Simón und wollen zudem das verfallende Gebäude zum Heim für behinderte Kinder umbauen. Simón findet schnell imaginäre Freunde, was Laura zunächst billigt. Doch dann taucht eine zwielichtige Frau auf, die unsichtbaren Mitbewohner beeinflussen den Jungen immer stärker, schließlich wird er unauffindbar sein ...

Zugegeben: Bayona nimmt sich für den obigen Prolog teils zu viel Zeit und erliegt ebenso im Finale einem Längenproblem, indem er die bitterböse Pointe durch recht unnötige Anhängsel mildert. Der gesamtheitlichen Wirkung schadet dies jedoch nicht, weil das finstere Drama seinen Höhepunkt schon vorher erreicht, mit Geraldine Chaplins Kurzauftritt als Medium. In Trance kommt sie einem Geheimnis auf die Spur, welches wir bloß ahnen dürfen, ihr altersweises Gesicht zeigt pures Entsetzen, während sie etwas Furchtbares sieht, das dem Publikum visuell verborgen bleibt. Da arbeitet die Imagination, bringt schreckliche Bilder hervor, man möchte im Sessel schrumpfen und eigentlich durch die gespreizten Finger zuschauen.

Vergessen sind alle Anfängerfehler, zumal Bayona Übersinnliches zwar weiter für seinen Film nutzt, Simóns Verschwinden aber perfide realistisch und folglich umso bezwingender auflöst. Das Mystische dient lediglich als Rahmen einer fast schon alltäglichen Tragödie, es unterstützt die Angst jeder Mutter auf der Welt. Ein Fundament, welches Emotionen birgt und diesen intelligenten, dazu noch handwerklich perfekten Genre-Vertreter seinem Publikum letztlich auch mehr Nervenstärke abverlangen läßt als kettensägenschwingende Irre oder die Mädchengeister des Nippon-Horrors. Versuchen Sie nur, sich nicht zu fürchten ...

Originaltitel: EL ORFANATO

Mexiko/Spanien 2007, 102 min
Verleih: Senator

Genre: Horror, Drama, Mystery

Darsteller: Belén Rueda, Fernando Cayo, Roger Príncep, Mabel Rivera, Montserrat Carulla, Geraldine Chaplin

Regie: Juan Antonio Bayona

Kinostart: 14.02.08

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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