Originaltitel: JUNCTION 48

Israel/D/USA 2016, 97 min
FSK 12
Verleih: X Verleih

Genre: Polit, Musik, Drama

Darsteller: Tamer Nafar, Samar Qupty, Salwa Nakkara, Ayed Fadel

Regie: Udi Aloni

Kinostart: 19.01.17

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Junction 48

Rap als dritter Weg

„Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist?“ Brechts berühmte Zeilen „An die Nachgeborenen“ würde der palästinensische Raper Tamer Nafar, Frontmann der Gruppe DAM, sicher umarmen. Einmal reimt er über den Wunsch, einfach nur ein Liebeslied voller Klischees zu schreiben. „Ich bin nicht politisch“, heißt es in einem anderen Refrain.

In JUNCTION 48 spielt Nafar nun sein Alter Ego, das im Film Kareem heißt, und rappt sich durch den Israel-Palästina-Konflikt, aber auch durch die konservativen Muster seiner eigenen Gemeinde in Lod, einem Vorort von Tel Aviv. Eigentlich will Kareem nur Musik machen. Aber so, wie er sie macht, ist es niemandem recht. Seine Eltern halten ihn für einen Luftikus, der keine Verantwortung übernimmt. Seine kommunistische Freundin Manar kann ihn nicht so ganz akzeptieren, bis er sich nicht klar hinter den (palästinensischen) Klassenkampf stellt. Ihre Eltern sind sowieso beschämt durch die Verbindung, und alle anderen in kleine und große Drogengeschäfte verstrickt – da hängt man sich auch besser nicht rein. Nur sein Bruder und seine Slacker-Freunde, zugleich Bandmitglieder, halten zusammen. Besonders gegen die alltäglichen Gängelungen durch die israelische Polizei. Und gegen die Bulldozer, die das Haus des alten Nachbarn klein machen sollen, damit die Regierung dort ein Museum für „friedliche Koexistenz“ errichten kann.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen, das gehört zu den kleinen Lektionen, die Kareem noch lernen muß, um wirklich durchzustarten mit seiner Musik. Als er im Club in Tel Aviv auftritt, muß er sich da gegen handgreifliche, rassistische jüdische Hipster behaupten. Wie gut, daß er selbst über jede Intoleranz erhaben ist. Die mackerhaften Allüren soll man ihm und seinen Freunden nachsehen – schließlich sind sie sympathisch, empathisch und kreativ. Mit seiner eher lockeren Erzählweise stimmt der Film ganz gut in den Beat mit ein, verpaßt aber die Chance, die Zwickmühle, in der die progressive junge Generation steckt, genauer zu erkunden. Am Ende bleibt es dann doch nur beim Posieren. Als Geheimwaffe der Musiker im Kampf gegen starre Grenzen auf allen Seiten ist Manar vorgesehen. Inszeniert ist sie als Perle des Orients mit erleuchtender Stimme, traditionsbewußt, züchtig und zugleich glühend revolutionär.

Ach, hätte er doch nur Liebeslieder voller Klischees gesungen. Politische Klischees sind noch schwerer zu verdauen.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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