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Miss Hokusai

Reise durch die Stationen eines bewegten Lebens

Kunstliebhaber schnalzen sofort verträumt mit der Zunge, wenn man das Gespräch auf „Die große Welle vor Kanagawa“ von Katsushika Hokusai lenkt, Uneingeweihten sei ein kurzer Abstecher zu Google dringend empfohlen. Warum? Weil der Farbholzschnitt als Meisterwerk gilt und viele andere Kreative beeinflußte. Da scheint es natürlich zwingend logisch, daß eben jene riesige Welle auch in MISS HOKUSAI zu sehen ist, dem Anime über Hokusai, welcher weder ein Biopic sein möchte noch ist.

Schon allein, da im Zentrum des Geschehens O-Ei steht, die gleichermaßen begabte, vom Vater indes nicht ernst genommene Tochter. Aber vor allem deswegen, weil hier keine brav wiedergegebene Biographie zur Betrachtung lädt, sondern eine weiträumig gespannte Abfolge von Themen, Stimmungen, Momenten. Deren episodische Struktur plus teils heldenhafte inhaltliche Sprünge erfordert manchmal Geduld, belohnt ihr Publikum aber gleichzeitig auch mit fordernden Brüchen und Gegensätzen: Eben noch ging es beispielsweise um eine schnöde Auftragsarbeit, konkret das stark in Verzug geratene Malen eines Drachens, dann geschieht über Nacht ein undefiniertes Phänomen, fertig prangt morgens das Schuppentier.

Überhaupt umweht den Film spielerische, träumerische, letztlich magische Qualität – und zwar nicht nur dann, wenn eine für ihre Dienste sehr geschätzte käufliche Dame interessante Geheimnisse hütet. Bevor sich der Ton allerdings gar zu stark dem Mythischen zuwendet, gibt’s stets eine Realismus-Rolle rückwärts, während O-Ei um Unabhängigkeit sowie Anerkennung kämpft. Und natürlich mehr oder weniger offen gegen Hokusai rebelliert, der seine zweite Tochter O-Nao wegen deren Blindheit verstieß. Mit O-Nao gelingt die trotz des jugendlichen Alters stärkste Figur, ein zwangsweise zu früh erwachsen gewordenes Mädchen, welches sich nach elterlicher Liebe sehnt, von Selbstzweifeln zerfressen, einem ungewissen Schicksal in die es spielerisch herumschlenkernden Hände geworfen. Man sei besser vorbereitet: Jeder Auftritt O-Naos torpediert dem Zuschauer urgewaltig das Herz.

Die Schönheit und Eleganz der Bilder wiederum leidet hier und da unter etwas plattem Humor oder quasi „lärmiger“ Animation, was aber den nachhallenden Gesamteindruck nicht schmälert. Zumal die letztendliche Botschaft beeindruckend zurückgenommene Tiefe zeigt: „Life Is Nothing Special, But We’re Enjoying It.“

Originaltitel: SARUSUBERI: MISS HOKUSAI

J 2015, 93 min
FSK 6
Verleih: AV Visionen

Genre: Animation, Drama, Biographie

Regie: Keiichi Hara

Kinostart: 16.06.16

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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