Queere Filmwoche

09.01.–16.01.2020

Kinobar Prager Frühling




Bild: ALS WIR TANZTEN

Unheilbar okay voll auf die heteronormative Zwölf

Ein Blick auf die Queere Filmwoche

Es sorgt für Wirbel, das zukünftige Sexuelle-Orientierung-und-geschlechtliche-Identität-Schutz-Gesetz, dessen Ziel im Konversionstherapienverbot besteht. Queere Organisationen verweisen auf Hintertürchen, nach denen jenes Verbot 16- bis 18jährige ausnimmt, sofern sie „über die erforderliche Einsichtsfähigkeit in die Bedeutung und Tragweite der Entscheidung“ verfügen. Die Bundesärztekammer hingegen regt textliche Umformulierungen an, die Deutsche Evangelische Allianz bemängelt rechtliche Grauzonen.

So oder so, „Heilung“ von Homosexualität ist gefährlich inhumaner Schwachsinn, was Anfang 2019 auch DER VERLORENE SOHN thematisierte. Den zeigt die aktuelle Queeren Filmwoche zwar nicht, dafür ebenso tolles Repertoire sowie diverse Kurzfilme. Dazu natürlich Premieren und Previews: Da läßt u.a. die Romanverfilmung DER HONIGGARTEN tabuisierte lesbische Liebe lodern, räumten DIE TRAURIGEN MÄDCHEN AUS DEN BERGEN beim Pornfilmfestival Berlin ab, und plaudert Regisseur Stéphane Riethauser mit MADAME, der verstorbenen Großmutter, spiegelt sich in ihr: Sie, eine knallharte Geschäftsfrau, deswegen scheel beschaut, brachte private Opfer. Er wiederum war lange drauf geeicht, bloß nicht als „Schwuchtel“ zu gelten, verleugnete die eigene Sexualität. Während Oma, ein hinreißend direkter Charakter, ihrem Enkel den Rang abläuft, reflektiert dieser unverblümt seine Unsicherheiten, wodurch die Doku umgekehrt erstaunliche Stärke gewinnt. Riethausers Anwesenheit wurde angefragt, sollte das klappen, dürfte er definitiv Spannendes zu erzählen wissen.

Weiterhin will JONATHAN AGASSI SAVED MY LIFE einen Blick hinter die privaten Kulissen des Ex-Pornostars gewähren, leider ziemlich erfolglos. Außer einseitiger Zeichnung des Vaters mit Schablonen eines dämonischen Schreckgespenstes ist wenig zu holen, bei seltener Kritik an Agassis Person blendet die Kamera zudem ängstlich weg. Memorabel daher letztlich lediglich Hingucker-Augen, schöne Lippen und ein sehr sehenswerter Hintern; ergo alles, worauf Agassis Œuvre fußte.

Ähnlich fehlgeschlagen Rosa von Praunheims DARKROOM, basierend auf dem Fall von Dirk P., dreifacher Mörder. Sichtlich anspruchsvoll gedacht, endet der Dramathriller im laienhaften Mischmasch aus Schauspielerei zwischen hölzern und hysterisch, verschämten Kamerafahrten auf nicht allzu prall gefüllte Slips, Komplexität vorgaukelnden Zeitsprüngen sowie häufig unfreiwilliger Komik: Man möchte losgrölen, wenn Staatsanwältin Katy Karrenbauer zur in Zeitlupe kreischenden und würgenden (!) Furie mutiert. Sorry, Rosa.

Eine echte Empfehlung verdient allerdings ALS WIR TANZTEN: Wir lernen Merab kennen, Mitglied des National Georgian Ensemble, es herrschen Strenge und lächerlich überzogene Ansagen wie die, daß georgischer Tanz keine Tradition, sondern „Schrei unserer Gene“ sei. Da kommt’s auf Anpassung um jeden Preis an, Merab geht’s relativ peripher vorbei, bis Irakli eintrifft, bald gleichermaßen Rivale und unvermutetes Objekt des Begehrens …

Ungeachtet gewisser Formelhaftigkeit reißen authentisches Spiel und sich stetig steigernde Funkenflüge hin, die Jungs umkreisen einander, es knistert vernehmlich, nebenbei besetzen kulinarische Freuden visuelle Leerräume, sogar ABBA nerven verkraftbar. Und schließlich wäre ein besseres Ende kaum denkbar – wie prägnant es Selbstbestimmung illustriert, jagt all jenen einen Knebel ins geifernde Maul, die queeres Leben tatsächlich für krank halten.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...


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