Originaltitel: CHHELLO SHOW

Indien/F/USA 2021, 112 min
FSK 12
Verleih: Neue Visionen

Genre: Erwachsenwerden, Poesie, Drama

Darsteller: Bhavin Rabari, Bhavesh Shrimali, Dipen Raval, Richa Meena, Rahul Koli

Regie: Pan Nalin

Kinostart: 12.05.22

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Das Licht, aus dem die Träume sind

Man sieht nur im Dunkel gut

Thema „Was einem heutzutage leider kaum mehr passiert“: Vor dem Kino eines indischen Dorfes spielen sich tumultartige Szenen ab, als ein religiöser Film über Göttin Kali läuft, der ziemlich provisorisch hergerichtete Saal ist schnell ausverkauft. Der kleine Samay sitzt drin – und entdeckt eine Zuneigung fürs Leben.

Während Samay fortan zusammen mit seinen Freunden von Vorführer Fazal allerlei Spannendes erfährt, ihn seine Leidenschaft sogar mal in die Jugendstrafanstalt bringt, er Wege für Privatvorstellungen ebnet, die Clique selbst synchronisiert oder Sound designt, hat Regisseur Pan Nalin kein gewöhnliches Drehbuch, sondern einen regelrechten Liebesbrief geschrieben. Er sendet ihn (nicht nur, aber deutlich auch) raus an Menschen, die noch Kino von „damals“ kennen, deren Lieblingszahl 35 lautete, sofern sie sich mit Millimetern verband, denen das Projektorenrattern pure Musik war und es wenig ausmachte, um des Erlebnisses willen einen Schlafsack dabeizuhaben, weil es ständig kalt durchs Haus zog oder die Heizung eben komplett ausfiel. Er erinnert an schiere Magie, unbändige Kraft, einladendes Entführungspotential und schärft ein, daß all dies im digital gepimpten Zeitalter weiter Raum finden kann – falls denn echte Geschichten erzählt und nicht lediglich lärmig-seelenlose Nullnummern abgespult werden.

Nalins Ansatz, Bilder und Emotionen über ausformulierte Handlungsstränge zu heben, verströmt Sinnlichkeit, welche sich parallel in von Samays Mutter zubereiteten Gerichten spiegelt; wahre Appetitanreger, edel präsentiert und dem Schulproviant Wurstbrot weit voraus. Man versteht bloß zu gut, warum Fazal fürs Essen freien Eintritt gewährt, was wiederum Nalin Gelegenheit zu bissiger Ironie bietet, wenn sich auf der Leinwand schrilles Pathos, von Motorrädern katapultierte Supermänner oder nach einem einzigen Schuß explodierende Brücken tummeln.

Gegen Ende stampft und kocht Nalin Samays Träume wortwörtlich ein, mahnt anhand jener ziemlich bedrückenden Sequenz Lichtspielhäuser als bedrohte Orte an; eine Situation, die Corona zwar nicht auslöste, jedoch wirkungsvoll verschlimmerte. Dem Knaben gelingt ein zum Neuanfang taugender, berührender Schnitt. Wie das Kino sich der Lage stellt, bleibt abzuwarten – es wäre katastrophal, sollte das titelgebende Licht irgendwann verlöschen.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

Das Licht, aus dem die Träume sind ab heute im Kino in Leipzig