D 2008, 119 min
FSK 12
Verleih: Prokino

Genre: Drama

Darsteller: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger

Regie: Maren Ade

Kinostart: 18.06.09

13 Bewertungen

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Von Zweien, die sich verschwenden

Die passen schon auf den ersten oberflächlichen Blick nicht zueinander. Sie – entspannt, auch sexy, selbstbewußt, eine, die das Leben nimmt, wie es sich bietet, und die noch immer was daraus macht. Er – scheinbar ein Grübler, der ständig hadert, der sie vollquatscht, ob er nun männlich ist oder nicht, der auch optisch nicht viel hermacht, der zu seinem dünner werdenden Haar nicht steht. Die passen wirklich nicht zusammen.

Für diese Erkenntnis braucht Maren Ade dann knapp zwei Stunden, sehr viel Zeit, um dieses marode Bündnis zu filetieren – in schöner Kulisse allerdings, auf einer Ferieninsel. Im Urlaub sind die beiden, wo man oft und nahe beieinander hockt, wo man so richtig Gelegenheit bekommt, sich systematisch zu zerfleischen. Genau diese Chance nutzen Gitti und Chris. Schade nur, daß Maren Ade sich nicht am ROSENKRIEG oder anderen Fetzerfilmen orientiert. Warum tut sie das nicht? Vielleicht weil es das Ungleichgewicht der Figuren nicht erlaubt. Damit fehlt dem Ganzen aber auch schon die Würze, und deshalb stürzt sich Ade viel lieber in „Wortgefechte“, in denen alles ausdiskutiert, in denen jeder Hauch von Gefühl (ich sage jetzt mal bewußt nicht „Liebe“) zerredet wird, in denen man sich peinlich-papierene Fragen wie „Haßt Du mich?“ oder „Bist Du traurig?“ stellt, in denen also Elementares einfach so zerlabert wird. Hier verschwenden sich zwei Menschen. Man möchte dem phlegmatischen Schnösel und der liebes- und erlebnishungrigen Furie bald zurufen: „Quatscht nicht! Macht! Zeigt! Tut!“

Paarespsychologischen Untertönen scheint Ade zu mißtrauen, ihr genügen keine Blicke, keine Gesten – sie stützt sich auf sattes, müdes – und mit Verlaub – irgendwie sehr westdeutsch anmutendes Wohlstandsgesabbel. Und damit wird ihre Paaresstudie zum exakten Gegenstück eines Andreas-Dresen-Kino, das zum Beispiel mit HALBE TREPPE so behutsam von Empfindungen, von Trennendem, vom Rest an Gemeinsamen in einer bankrotten Beziehung zu erzählen wußte. Vielleicht sieht man Gitti und Chris in diesem unschönen Licht, weil sie einfach zu volle Bäuche haben, weil sie verwöhnt sind. Da das Ferienhaus von Mama, hier die freigestalterische Arbeit. Zwei Menschen, die nie erwachsen geworden sind, zernagen sich an ihrer Selbstgefälligkeit.

Und dennoch gibt es da immer mal wieder diesen Moment, wo man hofft, Ade würde mit dem Zuschauer spielen, die Geschichte drehen, zum Beispiel, wenn Gitti von Chris an den Kopf geworfen bekommt, daß sie so peinlich sei. Ein Knockoutsatz, eine Steilvorlage, um die Geschichte und das Paar aus der Lethargie zu katapultieren. Aber Ade hatte anderes im Sinn. Was genau, bleibt verborgen, weil der Film einfach so weitergeht. Da hilft auch Gittis „Tod“ dramaturgisch nur ganz kurz über all die Müdigkeitserscheinungen – in der Beziehung eines Paares, in der Aufmerksamkeit des Betrachters. Und dann ist irgendwann und irgendwie Schluß. Gott sei Dank. Und trotzdem schade – um die Leistungen der Schauspieler, um die liebe Zeit und um die Reisekosten.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

Lesezeichen:

7 Meinungen zur Rezension oder zum Film

[ 02.07.09, 13:37:11 – anne hierholzer ]
Also, ihr Lieben: Verschiedenes.
Erstmal bin ich aus dem Osten, und der Film hat mir gefallen. Und zweitens, ihr Kerle:
(denn das drängt sich mir bei diesem kleinen Austausch viel deutlicher auf!)
Ja verdammt, natürlich ist es verkopft! Hallo? Problematik erkannt?! Und ja, natürlich ist es mühsam, nein es ist unerträglich, dabei zusehen zu müssen, wie sehr sich alles alles im Kreis deht, wenn eine Beziehung schwer wird. Wie beschissen kompliziert selbst die komfortabelste (wessimäßig "satte") Umfeldsituation werden kann, wenn man innerlich kaputt geht und weiß nicht woran, außer, dass es daran liegt, dass man zu viel drüber nachdenkt... Ich hab den Film mit vielen Leuten besprochen, denen es ähnlich ging, und würde aus dieser kleinen Feldstudie schließen, dass die Filmrezeption natürlich was mit der Sozialisation zu tun hat- aber nicht der lokalen, sondern mit der zwischenmenschlichen. Wer sich darin nicht wiederfindet- gut, der lebt seine Beziehungsprobleme eben anders... Wo die einen nur unendlich gedehnte Leere empfinden, kommen andre eben doch zu ihren heißersehnten "Zwischentönen". Ich fand den Film voll davon, ohne sie mit der gewohnten Erdenschwere des deutschen Film hinter jeder Wegbiegung mit dem Symbolhammer eingebleut zu bekommen... A propos einbleuen: Gelungen ist auch ein Blick auf alle Personen, der eben keine endeutige Positionierung zulässt, keine Schuldfrage klärt, keine Opferrolle konstituiert. Und zu guter Letzt: ER macht optisch schon was her =) So sind halt die Geschmäcker...

[ 25.06.09, 12:50:00 – michael eckhardt ]
lieber sebastian,
danke und genau:) aber: sozialisierung war in der zeit (also bei den heute über 30jährigen) doch immer zwangsweise mit "lokalem" verbunden, hatte also damit, wo man eben aufwuchs, doch viel zu tun ... heute gottlob nicht mehr. das war mit "geographisch" gemeint ... und morgen fahr ich zum filmfest nach münchen, in den westen also, in den geografischen, und bin überzeugt, auch da wieder gute menschen zu treffen.
in dem sinne freut sich über den austausch
michael

[ 25.06.09, 12:43:15 – Sebastian ]
Aaaaaalso: bin ein "Westler", daran ändert auch meine Stippvisite im schönen Leipzig nix. Habe den Film westlich sozialisiert und sogar daselbst im Westen (Kassel) hockend gesehen und - tatatataaa- fand ihn wie erwähnt trotzdem furchtbar und konstruiert. Das mag was mit Sozialisation zu tun haben (meine Eltern mögen sich, immer noch...), sicher aber nix mit Lokalisation! Halte das - mit Verlaub - für Blödsinn, auch und weil ich ihre Kritik ansonsten für sehr treffend halte, lieber Herr Eckhardt :-)
Ps.: Irgendwie hatte ich schon verlernt, in Kategorien von West und Ost zu denken. Schwupps, isses wieder da!

[ 25.06.09, 10:35:17 – michael eckhardt ]
lieber tim,
ne, also ost-/westdeutsche ressentiments sind sicher nicht meine sachen. ich würde es einfach mal auf meine in der tat subjektive sozial-geographische beobachtungen /erfahrungen begründen, warum dieser film so auf mich wirkt. diese sattheit habe ich bei im westen geborenen meiner generation eben häufiger erlebt als bei den ostdeutschen bekannten. und daß ich mit maren ade durchaus kann, ist belegt! einfach mal im archiv DER WALD VOR LAUTER BÄUMEN suchen und da nicht nur sylvias filmbesprechung, sondern auch meine dvd-rezension berücksichtigen :)
liebe grüße

michael vom PLAYER

[ 23.06.09, 09:15:27 – Tim ]
Nun ja, also dass der Film auf eine ziemlich gnadenlose Art unangenehm ist, sei dahingestellt - schließlich ist das ja Absicht: die präzise Demontierung einer Beziehung in einer betont "idyllischen" Ferienumgebung. Ein bisschen provokant möchte man da behaupten: den Film auf das Attribut "westdeutsch" runterzubrechen, ist ebenso zynisch und erkenntnisunfähig wie die beiden Protagonisten. Nix gegen die berühmte subjektive Note, aber ich lese aus dieser Kritik vor allem Ressentiments heraus. In den nächsten Maren Ade Film dann vielleicht doch lieber wieder Frau Görke schicken?
P.S.: Nein, ich bin kein "Westdeutscher".

[ 22.06.09, 18:39:46 – michael eckhardt ]
siehste, sag ich doch :)

und die minichmayr mag ich sonst auch total. was lustig ist: die westdeutschen journalistenkollegen waren voll auf diesen film ab. durch die bank fast alle. wie dieser film auf einen wirkt, hat vielleicht doch irgendwas mit sozialisierung/mentalität/umfeld ... zu tun

[ 22.06.09, 16:28:40 – Sebastian ]
Hilfe, war das trostlos! Wenn ich schon "Paare im Urlaub" sehen will, dann doch lieber "Ein fliehendes Pferd". Ein wirklich furchtbar verkopfter Film über das Zusammensein/Trennen, das hier. Da stimme ich Hernn Eckardt voll zu. Um die Minichmayr tut's mir leid. Die war mal wieder gut. Das war's dann auch schon...




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