D 2012, 96 min
FSK 0
Verleih: NFP

Genre: Dokumentation

Regie: Niko von Glasow

Kinostart: 17.01.13

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Alles wird gut

Sind wir nicht alle ein bißchen behindert?

Man spricht von „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ und von „Inklusion“, wenn man sich politisch korrekt über den Umgang mit Behinderten äußert. Zu einem Behindertencasting würde niemand aufrufen. Regisseur Niko von Glasow tut es. Er inszeniert ein Theaterstück, in dem alle Behinderten „aus hygienischen Gründen“ in einer Abstellkammer warten müssen, während das Casting ohne sie stattfindet. Unter den Casting-Anwärtern/Schauspielern finden sich auch Nicht-Behinderte, die sich aber als ebenfalls sehr eingeschränkt entpuppen: Zu viel Nachdenken, ewiges Nicht-im-Jetzt-Leben und diese ständige Angst, doch zu bescheiden zu sein, behindern ungemein.

Das erfahren wir, weil von Glasow das Ganze von Anfang an auch als Film konzipiert hat und das „echte“ Casting für das Stück und die Proben filmt. So wird auf mehreren Ebenen kalkuliert mit dem Begriff des Voyeuristischen gespielt. Denn die Wirklichkeit schreibt die besten Drehbücher, weiß auch von Glasow und nimmt sich selbst als Initiator nicht aus der Schußlinie. Offensichtlich ist auch er behindert. Aber das heißt eben nicht, daß man alle Arten von Behinderungen nachvollziehen kann, wie Leslie ihm zu verstehen gibt. Sie fühlt sich als einzige Nicht-Sehende des Stückes von ihm stereotyp inszeniert. Die Rolle der am Rande Stehenden, die sie geben soll, ist sie mehr als leid.

Von Glasow muß sich auch fragen lassen, ob er es ernst meint mit seinem Interesse an den individuellen Schicksalen auf der Bühne. Geht es ihm am Ende nicht nur um seinen Film? Er gibt die Verantwortung zurück, und das macht den Erfolg seines Projektes aus. Keine politisch korrekten Dialoge, jedoch echte Tränen werden gezeigt, alle Selbstzweifel aufgerollt. Die Schutzräume der Einzelnen weichen auf. Im Stück spricht man auch von „Therapeutenkacka.“ Was Wirklichkeit und was Spiel ist, wird nicht genau entschlüsselt. Von Glasow benutzt die autobiographischen Hintergründe seiner Schauspieler und fügt diese kontrapunktisch zusammen. So bekommt beispielsweise Manon, die bisher nur ihre verstorbene Mutter lieben konnte, diese als streitsüchtigen Engel an die Seite gestellt.

Es geht dem Filmemacher um Konflikt, und das zeigt er schonungslos. Reales Leben im dokumentarischen Format, sei es nun in einer Casting-Show oder im künstlerischen Dokumentarfilm, wird nun mal „ausgebeutet.“ Dabei kann das Leben als lebenslanges Casting je aus Sichtweise des Einzelnen ein recht amüsantes oder echt hartes sein.

[ Susanne Schulz ]

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