Originaltitel: MON BÉBÉ

F 2019, 87 min
FSK 6
Verleih: Alamode

Genre: Tragikomödie, Erwachsenwerden

Darsteller: Sandrine Kiberlain, Thaïs Alessandrin, Patrick Chesnais, Yvan Attal

Regie: Lisa Azuelos

Kinostart: 18.07.19

4 Bewertungen

Ausgeflogen

Nicht ohne meine Tochter

Es geht sofort mit Gebrüll los: Sie sind zu spät, Mama ist schuld, sie hat Töchterchen Jade nicht geweckt – ausgerechnet am Tage des Probe-Abis. Lisa Azuelos fährt die Betriebstemperatur von Beginn an hoch, was Sandrine Kiberlain einmal mehr die Chance gibt zu zeigen, was für eine formidable, temporeich jonglierende Komödiantin in ihr steckt. Vorbei die Zeit, als sie zu oft die kränkelnde, beleidigt dreinschauende Spröde vom Dienst geben mußte.

Und während Jade sich um ihre Zukunft sorgt, die auch einen längeren Studienaufenthalt in Kanada verspricht, fragt sich Maman zur eigenen Ablenkung von der Traurigkeit darüber, daß nun auch die Kleinste flügge wird, ob man denn sieht, daß sie keinen BH trägt. Und sie erträgt kaum die Peinlichkeit, daß der geborgte Flitzer, der Jade ins Gymnasium bringt, ausgerechnet lila ist. Und wie Kiberlains Heloïse, als natürlich zu schnell Fahrende von den Flics erwischt, dem Polizisten klarmacht, daß sie nur so rast, weil ihre Regel grad für größere Sauerei im Auto sorgt, er könne sich gern mit genauem Blick davon überzeugen, ist trotz des eher krachledernen Witzes mit Chuzpe und Größe gespielt. Regisseurin Lisa Azuelos kann so was – mit Energie, Humor und nie kitschigem Anrührpotential von Adoleszenz und der elterlichen Reaktion darauf erzählen. Das glückte ihr großartig in LOL, das kriegt sie in AUSGEFLOGEN mit einer gut dosierten Prise Hysterie ebenso gut hin. Die Ping-Pong-Dialoge sind perfekt austariert, die Atemlosigkeit Heloïses paßt sehr gut zu ihrer Ohnmacht der töchterlichen Abnabelung gegenüber.

Überzeugend diese kleinen, zarten Verhandlungsversuche der Mutter, ob Jade nicht doch erst nächstes Jahr und so, gerade jetzt, wo sie sich doch in Louis verliebt hat, man könnte doch auch erst mal in Paris, mit wem bitte soll sie dann ihre Serien schauen ... Dabei kennt Heloïse das schon, die zwei Großen sind längst aus dem Haus. In zärtlich gefilmten Rückblenden gelingt Azuelos, im Zuge von Scheidung, einsamen Momenten und der Fast-Überforderung durch das eigene Restaurant von einem tiefen, wachsenden Bund der Mutter zu ihren Kindern zu erzählen, dieses Leben mit all seinen Kurven hat Heloïse zu der gemacht, die sie ist – Glucke und Rabauke, liebevoll und durchgeknallt, aber all das aus vollstem Herzen.

AUSGEFLOGEN leistet sich ein paar Momente des Überziehens, aber wie gesagt, diese Täuschungsmanöver passen gut zur verrückten Situation. Und Hand aufs Herz – wer würde mit seiner Mutter/Tochter schon Gespräche über Polyamorie und Gruppensex führen? Eben, im Kino geht das wunderbar, genießen wir diesen Conte sauvage also. Doch noch mal zur Hauptdarstellerin, der hier fast eine komplette One-Woman-Show gegönnt wird: Es ist filmüber beeindruckend, wie es Kiberlain gelingt, dieses Switchen vom Laute ins Sprachlose, von diesen wilden Mutterargumenten hin zu schlecht verdrückten Tränen. Dieser Spagat aus Verstehenwollen und Loslassenmüssen, aus mütterlichem Protektionismus und kumpelhaftem „Alles klar“ scheint schon aus dem Leben gepflückt, und zu diesem verrückten Dasein gehört leider, daß unsere Zeit rast wie irre.

Weshalb es schon sehr anrührt, als Heloïse ihrem „Bébe“ nachschaut, wie es Hand in Hand mit Louis ins „Kinderzimmer“ geht, gerade eben noch nahm der zerpflückte Teddy diese Rolle ein. Und ein schönes Fastschlußbild ist, wenn die Mutter feststellt, daß an sich wirklich alles gut läuft, sie brauche zum Liebkosen jetzt einfach längere Arme für ihre Spätzchen und Kätzchen.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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