Originaltitel: LE GOÛT DES MERVEILLES

F 2015, 101 min
FSK 0
Verleih: Neue Visionen

Genre: Tragikomödie, Liebe

Darsteller: Virginie Efira, Benjamin Lavernhe, Lucie Fagedet, Léo Lorleac’h, Hiam Abbas, Hervé Pierre

Stab:
Regie: Éric Besnard
Drehbuch: Éric Besnard

Kinostart: 10.03.16

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Birnenkuchen mit Lavendel

... als süße Verführung für Herz und Kopf

Schöne junge Frau trifft sensiblen Single-Kerl – was gängigerweise aus solcher Konstellation gemacht würde, ist bekannt. Wäre die Dame jetzt außerdem noch alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und kürzlich Witwe geworden, landete die Story vermutlich geschwind bei Nicholas Sparks – wobei schließlich nach vielerlei herzzerreißenden Verwicklungen und mehreren Lagen tränenbedingt tropfnassen Zellstoffs mindestens eine Hauptperson stürbe; vermutlich er, weil sie zuerst doppelt am Schicksal tragen sollte, aber dann doch irgendwie ein schüchternes Lichtlein emotionaler Hoffnung flackerte. Was allerdings, käme jetzt hinzu, daß besagter Mann am Asperger-Syndrom leidet? Korrekt: Amerika gibt auf, Frankreich übernimmt.

Treffen wir ergo Louise, unsere hübsche Verwitwete mit finanziellen Sorgen, die Pierre, autistischer Anzugträger, erst mal über den Haufen fährt, worauf er flieht, jedoch bald aufgelesen und zum von der Pleite bedrohten Hof verfrachtet wird. Ihm steht der Sinn nach einem Bad, Louise sucht derweil nach Wegen, aus der Misere herauszukommen, gleichzeitig ihre Trauer zu bewältigen und die Familie zusammenzuhalten. Was da nun alles passiert, während die Provence locker als atemberaubende Nebendarstellerin besteht, und akustische Melancholie überaus hörenswert Komödie und Drama verbindet, könnte nacherzählt die ganze Spalte füllen – und rückt dennoch in den Hintergrund.

Weil man ohne Unterbrechung viel zu knappe 101 Minuten lang Regisseur und Autor Éric Besnard beglückwünschen möchte. Dazu, wie spielend sich liebevoll-stille Komik gegen ernste Sujets behauptet, welche wunderbare Antwort das Drehbuch auf die Frage „Er ist anders, nicht wahr?“ findet, vor allem angesichts der außergewöhnlich subtilen, nie auch nur ansatzweise plumpen (herzliche Grüße an Sparks) Erzählung.

Besnard schärft den Blicks fürs Kleine, bündelt komplette Gefühlswelten in kurzen Sätzen à la „Ich verstehe, warum man mich nicht will ...“, schenkt Pierre eine extrem berührende Liebeserklärung, holt Autismus aus der häufig vorurteilsbehafteten Ecke, glaubt so bedingungslos wie kitschfrei an immer mögliche Überwindung der Angst und sieht sein Werk mittels abschließender Texteinblendung durch eine echte Fee inspiriert. Was absolut paßt, schließlich verbreitet dieses dem Realismus verhaftete Romantikmärchen nichts weniger als knisternde Kino-Magie.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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