Originaltitel: BUILT TO LAST

Tschechische Republik 2017, 58 min
Verleih: Eigenverleih

Genre: Dokumentation

Regie: Haruna Hancoop

Kinostart: 01.08.19

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Built To Last

In Stein gegossene Machtphantasien

Prachtvoll verzierte U-Bahn-Schächte, der Berliner Fernsehturm, gigantische Betonfassaden mit Glasverzierung und in Metall gegossene Männer, die auf Podesten stehen – BUILT TO LAST ist eine Bildersammlung architektonischer Monumente der sozialistischen Ära. Da fliegt die Kamera durch die Berliner Karl-Marx-Allee, vorbei an der Tschechischen Botschaft, entlang der Mauer. Das Auge verhaftet an den zu Stein gewordenen Utopien einer Zeit, in der der Mensch der Gesellschaft dienen sollte. Das Ergebnis sind keine einfachen Häuser, sondern Betondenkmäler, Plattenbauten mit Fenstern, dicht an dicht. Das, was hier zählt, ist nicht das Filigrane oder Individuelle, sondern das Immergleiche, es geht um Größe, Masse und Macht.

Für ihre architektonische Reise ist die tschechisch-chinesische Filmemacherin Haruna Honcoop durch die großen Städte mit sozialistischer Vergangenheit gereist: Berlin, Warschau, Prag, Bratislava, Budapest, Belgrad, Pristina, Tirana und Sofia. Jeder Stadt widmet sie eine Art experimentellen Kurzfilm. Denn sie fängt mit der Kamera nicht nur Fassaden, Denkmäler und ganze Straßenzüge ein, sie schneidet Archivbilder dazwischen. Wir sehen fleißige Arbeiter, wie sie auf Brachen ganze Betonblöcke hochziehen, wie aus Schlammpfützen Gehwege werden.

Die zum Teil tableauartigen Bilder, die Hancoop auswählt, schneidet sie manchmal episch, manchmal schnell und sprunghaft, jeweils im Takt der Musik, die elektronisch oder auch klassisch ist. So wirken die Bilderteppiche wie zerrissene Erinnerungsfetzen, die von einer längst vergangenen Zeit erzählen und Verlorengegangenes wieder ans Tageslicht holen. Dazu spickt Hancoop jede Episode mit den Gedanken der Machthaber wie Lenin, Ceaucescu oder Tito. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, hört man Walter Ulbricht flöten, Kennedys „Ich bin ein Berliner“ dient als eine Art Refrain.

Die Filmemacherin spiegelt auf sehr experimentelle Weise, wie Menschen ihre Vorstellungen von Gesellschaft in Beton gegossen haben und wie nachhaltig unsere Welt davon geprägt ist. Dazwischen sprenkelt sie auch Menschliches. Während die Kamera über schrammelige Plattenbaufassaden fliegt, hören wir die Gedanken eines Kindes, das erzählt, wie der Vater müde von der Arbeit im Sessel sitzt, während die Mutter Abendbrot zubereitet. Die gesellschaftliche Realität hinter diesen architektonischen Ideen ist genauso Teil des Films wie die realen Abbilder der zu Stein gewordenen Machtphantasien alter Männer. Häuser sind eben viel mehr als nur aufeinandergestapelte Steine.

[ Claudia Euen ]

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