D 2020, 108 min
Verleih: Filmwelt

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Sebastian Blomberg, Dar Salim, Virginia Kull, Thorsten Merten

Regie: Johannes Naber

Kinostart: 03.12.20

  • Film des Monats

Curveball

Ski & Rodel gut beim BND

Das deutsche Kino, so der Eindruck, legt gerade eine Art inhaltlichen Zwischenspurt ein, der von politisch-gesellschaftlicher Brisanz kündet. Mögen die künstlerischen Ansätze und qualitativen Ergebnisse auch unterschiedlich sein, Filme wie UND MORGEN DIE GANZE WELT, DER LETZTE MIETER, OECONOMIA sowie der hier sehr gern zu besprechende CURVEBALL atmen allein durch ihre Themen überdurchschnittliche Relevanz. Und da haben wir Christian Schwochows JE SUIS KARL, Start 2021, irgendwann, noch gar nicht gesehen.

Johannes Naber hat mit seinen Vorgängerfilmen DER ALBANER und ZEIT DER KANNIBALEN Begehrlichkeiten geweckt. Explizit wertvoll waren beide, konzeptionell klar und stringent erzählten sie über Illegalität in Deutschland und die Übelkeiten der Unternehmensberater, Letzteres gar im hierzulande eher seltenen böse-grotesken Tonfall. Den nimmt CURVEBALL auf, muß sich allerdings aufgrund sehr ernsten weltpolitischen Hintergrunds mäßigen.

„Eine wahre Geschichte. Leider!“ So steht es im Vorspann. Es braucht nur ein paar Rechercheklicks für jedermann, und schon ersteht sie in Texten und Reportagen wieder auf, jene so abstruse wie unfaßbare Geschichte um den Iraker Rafid Alwan, der, um sich einen deutschen Paß zu erschleichen, dem Bundesnachrichtendienst Anfang der 2000er Jahre eine Lügenstory auftischt, die nicht nur lange Beine zu haben scheint, sondern auch noch Stöckelschuhe trägt: Alwan sei in der Heimat an einem Biowaffenprogramm beteiligt gewesen. Kampfstoffe würden in mobilen Laboren hergestellt, Anthrax in Antrucks, sozusagen. Alwan bekommt den Tarnnamen „Curveball“, mit seinen „In-formationen“ beginnen die USA ihren bislang letzten Irakkrieg.

Naber hat es mit der Recherche ernst genommen, baut originale Archivaufnahmen ein, um das Fiktionale mit Fakten zu stützen und noch im aberwitzigsten Moment die Brisanz und Wahrhaftigkeit um Curveball nicht aus den Augen zu verlieren. Ein schmaler Grat, da es um Unterhaltung gehen soll, wo man im Grunde erneut nur toben möchte, auch über jene, die in Trump den Erfinder von Fake News sehen wollen.

Lustvoll in Ausstattung, Situationskomik und Wortwitz, läßt Naber ein famoses Ensemble los, verdichtet und überhöht Figuren zu Typen. Zentral dabei Biowaffenexperte Dr. Arndt Wolf, der in den späten 90ern aus dem Irak abgezogen wird, weil er vor Ort, wie die anderen UN-Spezialisten, keine Beweise für Biowaffen gefunden hat. Wieder daheim, ernennen hochrangige BNDler Wolf zum Quellenführer, weil besagter Alwan plaudern mag. Ausgeprägte Besessenheit allein nützt dem Doktor dabei nichts. Gepaart mit arg dickem Kopf und wohlproportionierter Naivität wird er mit Alwan (Hörner-)Schlitten fahren – im übertragenen wie echten Sinne.

Es ist ein Genuß, Sebastian Blomberg dabei zuzusehen, wie er diesen Wolf Of Pullach von einem Aggregatzustand in den nächsten gleiten läßt, von flatternder Euphorie über den vermeintlichen Sieg hin zum einschlafenden Gesicht wegen des eigenen Scheiterns und des fiesen Spiels der anderen, gern auch in Schlafanzug und Bademantel im Schnee, wobei er dort eher die Räuberpistole zieht. Sie wollten einen Knaller, wollten als BND der CIA nicht länger als Fußabtreter dienen. Sie haben aufs falsche Pferd gesetzt. Der Sekt hätte sich als Selters besser gemacht.

[ Andreas Körner ]