Österreich 2018, 108 min
FSK 12
Verleih: Salzgeber

Genre: Drama

Darsteller: Valerie Pachner, Pia Hierzegger, Mavie Hörbiger

Regie: Marie Kreutzer

Kinostart: 16.05.19

Noch keine Bewertung

Der Boden unter den Füßen

Unternehmensberatung und Schizophrenie

Ihrer Heldin hat Marie Kreutzer einen klassischen Filmnamen gegeben, allerdings gegen die Konvention. Lola ist nicht die sinnliche Verführerin wie bei Josef von Sternberg, Jacques Demi oder Rainer Werner Fassbinder (alles Männer!), sondern im Gegenteil: kühl, kontrolliert und karrierebewußt. Lola arbeitet in einem Bereich, in dem das nötig ist, in einer Unternehmensberatungsfirma. Und für Frauen ist es hier besonders hart voranzukommen. Denn die männlichen Kollegen lassen im Zweifelsfall einfach die Hose runter und zeigen, was sie haben. Jede Schwäche wird genutzt. Als wäre das nicht genug, hat Lola auch noch die Hürden eines Doppellebens zu tragen. In Rostock beißt sie sich beruflich durch und hat als Trost nur das Laufband und eine unpersönliche Hotel-Affäre mit ihrer Team-Leiterin. Und in Wien ist sie Vormund ihrer großen Schwester und letzten lebenden Verwandten. Conny leidet an paranoider Schizophrenie und ist nach einem Selbstmordversuch gerade wieder in die Klinik gekommen. Auf einmal kann Lola die zwei Welten nicht mehr auseinanderhalten.

Lange versteht man nicht den Grund für dieses Doppelleben. Ist denn die Welt der U-Berater so eisern, daß man seine kranke Schwester verschweigen muß? Doch langsam wird klar: Lola hat Angst, selbst Conny zu werden, und deshalb läuft sie vor ihr (und sich) weg. Doch die Ängste holen einen immer ein. Als sie anfängt, Anrufe von Conny von einem anonymen Handy zu bekommen, muß sie sich fragen, ob sie einfach dem Burnout nahe ist, oder ob sie auch eine Neigung zur Paranoia hat. Beides ist für sie inakzeptabel. Und was davon stimmt, hält der Film immer schön in der Schwebe. Eine mögliche Interpretation wäre, daß es die unmenschliche und geradezu dystopische Welt der Firma ist, die Schizophrenie produziert. Oder geht es doch um Lolas Selbstbetrug, stärker zu sein, als sie ist?

Kreutzer hat zwei Felder, die sie schon lange interessieren, die Welt der Unternehmensberater und die Schizophrenie, in einem Film verzahnt. Dieses Reißverschlußverfahren ist leider immer ein wenig spürbar. Die Naht bleibt sichtbar, auch wenn der Film versucht, sie durch Thriller-Elemente zu überdecken. Das Vorbild für die neue Lola war übrigens Hitchcocks Marnie. Deswegen auch die kühle Blonde. Aber in Erinnerung bleibt die dunkle Unberechenbare: Pia Hierzegger als schwesterlicher Quälgeist. Vielleicht hätte Kreutzer mehr auf die Spannung zwischen diesen zwei Frauen setzen sollen.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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