Originaltitel: EASY VIRTUE

GB 2010, 97 min
FSK 6
Verleih: Sony

Genre: Komödie, Drama, Musik

Darsteller: Jessica Biel, Ben Barnes, Colin Firth, Kristin Scott Thomas

Regie: Stephan Elliott

Kinostart: 24.06.10

13 Bewertungen

Easy Virtue

Zickig, erfrischend und wunderbar spitzzüngig – der etwas andere „Kostümfilm“

Über zwölf Jahre ist es schon wieder her, daß Neil Tennant (Wer auch sonst?) an die Pop-Credibility des großen Noel Coward erinnerte – mit der facettenreichen Kompilation „Twentieth Century Blues“, auf der die Crème de la crème der Popmusik wie Texas, Damon Albarn, Robbie Williams, The Divine Comedy und die Pet Shop Boys selbst schmissige Coward-Nummern neuinterpretierten. Das gelang superb, frisch, entstaubt, zeitlos – und all das kann man dieser filmischen Adaption eines berühmten Stückes von Coward ebenso und uneingeschränkt attestieren.

Denn und mit Verlaub: In den letzten vielleicht fünf Jahren wurde man doch all dieser steifen, stets neu aufgegossenen, sogenannten Period Pieces recht überdrüssig, in denen steife Roben rauschten und staubige Vorhänge knisterten, in denen der Augenaufschlag einer gereizten Romanfigur noch das auffallendste Handlungsgeräusch bot, und sich Enttäuschung zumeist in Seufzern entlud. Und dann sagt man sich, fünf Jahre sind eine lange Zeit, laß’ gut sein, geh’ ins Kino – und plötzlich haut es einen aufgrund dieser spitzzüngigen, auf den Punkt besetzten, modernen, temporeichen Komödie aus den Pumps. Was ist denn da passiert? Nun, zum einen durfte der Australier Stephan Elliott ans Regiezepter, was nicht allen, aber doch vielen ein fesches Grinsen entlocken dürfte, denn Elliott, der ehemalige Hochzeitsfilmer, hat ja eine gewisse Priscilla im Regiegepäck. Und Produzent Barnaby Thompson versteht ohnehin etwas von Wortwitz und Timing, ist schließlich Oscar-Wilde-erprobt und hat ja ganz allgemein wenig Furcht vor Herausforderungen – was die trashigen ST. TRINIANS-Derbheiten und der Film über die Spice Girls bestens belegen.

Aber auch ein Wort zur Besetzung der Hauptrolle. Jessica Biel, von der man bisher wenig mehr als ein makelloses und tatsächlich auch durch Größe, Farbe und Zahnstand unmöglich zu übersehendes Gebiß in Erinnerung haben dürfte, hat den Film in der Tasche. Sie gibt die Amerikanerin Larita, die sich in den späten 20er-Jahren mit dem Schnösel John frisch verheiratet zu dessen Familie ins bürgerliche England aufmacht. Frau Mutter und die zwei noch unvermählten Schwestern rümpfen die Näschen, Larita scheint nicht ganz standesgemäß. Kein Wunder, zum einen fuhr sie als erste Frau Autorennen, außerdem sagt man ihr unzählige Affären und nicht zuletzt einen früh verstorbenen Ehemann nach. Da gilt es, viel Aufbauarbeit zu leisten, die mit wunderbaren Querschüssen gegen die englische Spießig- und die amerikanische Kulturlosigkeit gewürzt wird und schließlich in einen Zickenkrieg par excellence gipfelt. Noch dazu hat man einen spontanen Hundstod zu beklagen, frischt Larita das Procedere der englischen Jagd leicht auf, dann wären noch die Vorboten eines neurotischen Rauchverbots zu belächeln, und auch nicht zu verachten ist eine CanCan-Aufführung ohne Höschen – im Rahmen der Kriegswitwenrevue ...

Herrlich, wie es Elliott hier gelingt, eine zutiefst erfrischende, kurzweilige, wie lässig aus dem Ärmel geschüttelte Komödie über familiäre und kulturelle Differenzen aufzufahren, ohne zu vergessen, daß jede Komik die Traurigkeit braucht, die er sehr behutsam und ohne das brillant getimte Humorgefüge zu stören einflicht. Die verzweifelt um die Ehre aller, den Ruf ihres Bübchens und den Zusammenhalt der Familie kämpfende Mutter wird von einer wunderbaren Kristin Scott Thomas gegeben, die es einfach kann, verzweifelt, stolz, zickig und stark zu sein und dabei in all ihrer gottgebenen Eleganz wie ein angeschossenes Tier Gift zu verspritzen.

Zum Ensemble muß in der Tat noch einiges erwähnt werden, Elliott hat ein schier perfektes Händchen für die Nebenfiguren, die das filmische Mahl ja erst so üppig machen: Die Köchin Doris, die doch so gern Beatrice genannt werden möchte, ein Butler, der ach so Großes mit einem Zucken der Brauen zur Kleinlichkeit verdammen vermag, und ein Ehemann, vom wieder mal brillant agierenden und aufregend unrasierten Colin Firth gegeben, der an den falschen Stellen lächelt, in einer Familie, in der Lachen schon fast anzüglich ist. Der Schnösel John, der von allen putzigerweise Panda genannt wird, der wird vom Dorian-Gray-Darsteller Ben Barnes gespielt. Und man kommt nicht umhin, ihm irgendwie zu verfallen: Da ist auf den ersten Blick diese Brave-Jungen-Fassade, und doch scheint man dahinter allerhand Anrüchiges zu erkennen. Dieses spöttische Grinsen, diese haarlose Brust, diese ungezügelte Lust an der Libido – also mit dem möchte man schon einmal ein Fläschchen Bombay Sapphire Gin picheln und weitaus Schmutzigeres anstellen. Doch zurück zum Film an sich: Natürlich gibt es auch ein paar mehr oder weniger ausgestellte Gesangseinlagen, die hier teils von den Darstellern selbst gestemmt werden. Da gelingt Jessica Biel auch ein „Mad About The Boy“ ganz ordentlich, den Vergleich mit Marianne Faithfull auf der zu Beginn erwähnten Kompilation darf man einfach nicht ziehen.

EASY VIRTUE belegt hervorragend, daß leichtfertig als Kostümschinken abgetane Filme über vergangene Zeiten auch ohne den viele Jahre das Kino dominierenden Merchant/Ivory-Touch auskommen können, und daß trotz frivoler Komik, der in keinem Moment die Puste ausgeht, das Niveau nicht in den Weinkeller stürzen muß. Dieser erfrischende Kampf der Kulturen wird im übrigen mit einem Tango beendet. Wer mit wem – sei hier aber nicht verraten.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.