Originaltitel: FALLING

Kanada/GB 2020, 112 min
Verleih: Prokino

Genre: Drama

Darsteller: Viggo Mortensen, Lance Henriksen, Laura Linney

Regie: Viggo Mortensen

Kinostart: 03.12.20

Falling

Emanzipation von der alten Welt

Jede Familie hat ihre Abgründe. Doch es kostet Mut, einen Blick hineinzuwerfen. Der erwachsene Sohn John aber kann im Grunde gar nicht mehr wegsehen. Nach dem Tod seiner Stiefmutter holt er seinen alten Vater, der alleine auf einer Farm irgendwo in der Prärie lebt, in die amerikanische Großstadt. Ehemann Eric und Adoptivtochter Monica stoßen dem Alten, der zwischen Demenz und Altersstarrheit schwankt, sauer auf. Aber nicht nur das. Alle, die nicht in sein konservatives und rückwärtsgewandtes Weltbild passen, pöbelt er voll – homophob, sexistisch und übergriffig.

Schauspieler Viggo Mortensen treibt das Phänomen „alter, weißer Mann“ in seinem Regiedebüt FALLING auf die Spitze. Denn im Grunde ist dieser alte Vater nicht auszuhalten. Fast zwei Stunden lang gibt Mortensen ihm Raum, seinen empathielosen, selbstbezogenen Quatsch auszubreiten. In langen Rückblenden erzählt er, wie der Vater schon in jungen Jahren die Familie zerstörte, die Mutter demütigte und selbst an den Folgen seiner Gefühllosigkeit litt, ohne es zu merken. Mortensen bleibt in seinem Debüt fokussiert und konzentriert sich auf dieses „Ertragen“ eines Zustandes, der im Grunde nicht mehr ertragbar ist. Doch die Kinder und Enkel sagen langsam, aber bestimmt dem fallenden Familienoberhaupt auf liebende Weise den Kampf an.

Der Weg dorthin ist kräftezehrend und komplex, aber wer sich drauf einläßt, dem wird die heilsame Wirkung am Ende nicht vorenthalten. Denn FALLING erzählt im Kleinen, was im Großen nicht nur die amerikanische Öffentlichkeit so dringend bräuchte: die Emanzipation von der alten Welt.

[ Claudia Euen ]