Originaltitel: LOS AMANTES PASAJEROS

Spanien 2013, 90 min
FSK 16
Verleih: Tobis

Genre: Komödie, Schwul-Lesbisch, Schräg

Darsteller: Javier Cámara, Cecilia Roth, Lola Dueñas

Regie: Pedro Almodóvar

Kinostart: 04.07.13

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Fliegende Liebende

Querido Pedrito,

... ich kose Dich namentlich, ich darf das, denn ich habe Dich immer umarmt, war immer an Deiner Seite, über all die Jahre, all die Filme – die hysterischen, die melodramatischen, die milderen und auch die zuletzt zunehmend kantigeren. Kein Blatt Papier paßte zwischen uns. Nun ist seit wenigen Tagen alles anders: Ich war derart freudvoll, daß ich mich selbst zur Raison rufen mußte, und nur wenig später war ich sprach-, freud- und ratlos. All das geschah, als ich kürzlich Deinen neuen Film zum ersten Mal sah. Es wird auch der einzige Film von Dir sein, den ich kein zweites Mal sehen kann. Weil ich mir ein Bild bewahren möchte, ja, weil ich klammere: Dein Oeuvre kann sich doch nicht einen derartigen Ausbrecher leisten. FLIEGENDE LIEBENDE, Deine so erwartungsvoll beworbene Rückkehr zum komischen Fach, ist möglicherweise vieles – nur nicht komisch. Eine Un-Komödie, bei der ich steingleich im Kinosaal ausharrte, so gar nichts Empathienahes empfand – außer Gram und Scham. Wie konnte das passieren?

Du sperrst drei tuntige, dem Alkohol zugetane Stewards, zwei Pilotentrottel, eine alternde Hure, einen Wirtschaftskriminellen, eine Jungfer und einen Killer in ein Flugzeug, das nicht landen kann, weil ein Fahrwerk kaputt ist. An sich keine schlechte Ausgangssituation für ein derbes Lachstück, wie Du es vermutlich im Kopf hattest. Nur hattest Du es nicht im Herzen! Kein Witz nirgends – weder in den Dialogen, noch in den Situationen des bemüht skurrilen Personals, allenfalls dessen strapaziertes Grimassieren soll Order geben an die Lachmuskeln, die indes erschlafft bleiben. Ich erahne es, Du wolltest augenzwinkernd und selbstreferentiell zurück in die 80er düsen, in Deine Hochzeit, aber das klappt nicht, teils aus recht einfachem Grund: Deine Figuren damals waren superschräg, sie waren exaltiert, manchmal blöd, sehr oft laut, lustvoll, hysterisch, zynisch. Und: Sie waren echt, sie hatten Seele, sie ließen – wenn auch über (komische!) Umwege – so etwas Identifikation zu. Das geht Deinem Bordpersonal komplett ab, so sehr, daß es mir regelrecht wurscht war, ob das Ding nun abstürzt oder nicht. Warum hast Du die Bande so körperlos geschrieben? Ich nehme Dir doch jeden Charakter ab: geschwängerte Nonnen, Ex-Pornostars in Fesseln, Synchronsprecherinnen mit Nervenzusammenbrüchen und HIV-positive Transenväter ebenso. Aber die hier?

Wie immer stimmt die Optik, aber Dekor und Kostüme bleiben leer, wenn sich kein sinnstiftender Zusammenhang herstellen läßt. Dein Film und sein bettlägeriger Humor, Verehrtester, wollen retro sein, sind aber gestrig. Das ist ein schmerzvoller Unterschied. Allein diese lang angekündigte und dann so leidvoll durchgestandene Gesangsummer mit dem Pointer-Sisters-Gassenhauer „I’m So Excited“. Im übrigen genau das Lied, das ich neben dem gleichsam totgeleierten „I Will Survive“ an sich nie wieder im Kino hören wollte ... Außerdem: Was sollte dieses aufheizende und dann plötzlich im Nichts verpuffende Intro mit der unschlagbaren Penélope, was sollte die – dramaturgisch so sinnvoll wie ein Kropf – drangepappte Parallelgeschichte von den Folgen eines heruntergefallenen Handys? Was bleibt, ist ein Film ohne richtigen Anfang, ohne gutes Ende sowieso, dazu mit derart magerem Zwischenstück, daß man sich Augen und Ohren reibt: Warst das wirklich Du und nicht doch der Praktikant?

Und Deine offensichtliche Träumerei von einer Welt ohne sexuelle Schubladen, Deine eingeflochtene Krisenkritik – an sich ehrenwert, aber doch nicht so zahm und lahmbeinig! Pedrito, tu bitte bald wieder Gutes, ich behalte Dich im Herzen und werd’ Dich trotz allem weiterhin umarmen. Dein Miguelito.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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