Originaltitel: J’ACCUSE

F/I 2019, 132 min
FSK 12
Verleih: Weltkino

Genre: Drama

Darsteller: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner

Regie: Roman Polanski

Kinostart: 06.02.20

13 Bewertungen

Intrige

Polanski seziert die Dreyfus-Affäre

J’Accuse...! Ich klage an! Unter dieser Überschrift – heute berühmte geflügelte Worte – erschien am 13. Januar 1898 in einer Pariser Tageszeitung ein offener Brief des Autors Émile Zola an den damaligen Präsidenten der Französischen Republik. Ein Brief der emphatischen Empörung, eine rhetorisch glänzende Parteinahme für einen Mann, der aus den denkbar niedersten Gründen nicht nur um seine berufliche und gesellschaftliche Reputation, sondern auch um Jahre seiner Freiheit beraubt wurde.

Ja, es war ein veritabler, ganz Frankreich erschütternder Justizskandal, der bis heute gemeinhin und etwas euphemistisch klingend als Dreyfus-Affäre bekannt ist. Daß die Causa des jüdischen Artillerie-Hauptmanns Alfred Dreyfus indes überhaupt zur „Affäre“ und somit zum empörenden Skandal wurde, war dabei alles andere als selbstverständlich. Wie jetzt in Roman Polanskis INTRIGE eindringlich zu sehen ist.

Ein Film, der sich kühl protokollierend in diesen Fall vertieft. Der durch seine gemäldehaften Fin-de-Siècle-Interieurs streift und eintaucht ins historische Ambiente einer frostig steifen Atmosphäre, in der frostig steife Militärs einem Kodex frönen, zu dessen mentaler Grundausstattung vor allem auch eins gehört: eine gehörige Portion Antisemitismus.

Gilt auch für Oberstleutnant Marie-Georges Picquart. Kurz nach der von ihm mit Wohlwollen goutierten Verurteilung Dreyfus’ wegen Landesverrat bekommt Picquart die Leitung des französischen Auslandsnachrichtendienstes übertragen. Und stößt dort bald auf Hinweise, die in ihm einen bösen Verdacht reifen lassen: Daß nämlich Dreyfus unschuldig sein könnte, und somit der wahre Verräter weiterhin auf freiem Fuß ist.

Daß letzterer Umstand dann lange Zeit der hauptsächliche Antrieb für Picquart ist, die Ermittlungen im Fall Dreyfus noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, gehört zum inneren Spannungspotential, mit dem es hier gelingt, diesen durchaus ambivalenten Charakter zu zeichnen. Denn Polanski geht es in INTRIGE weniger um Dreyfus selbst, der dann auch nur in wenigen Szenen in Erscheinung tritt, sondern um das Sezieren einer gesellschaftlichen Konstitution, in der Judenfeindlichkeit ein eben konstituierender Bestandteil ist. Also nicht die Ausnahme von der Regel, sondern die Regeln mitbestimmend, allein, weil Denken und Fühlen tief von antisemitischen Ressentiments geprägt sind.

Ressentiments, die dann eben auch Picquart pflegt. Und sich gleichwohl nicht abhalten läßt, den Fall Dreyfus neu aufzurollen. Wie auch nicht von den erst freundlichen Warnungen und bald unverhohlenen Drohungen seitens höchster Militär- und Regierungskreise. Die Wahrheit ist für Picquart eine Frage der Ehre, so wie für seine Gegner Dreyfus ein Bauernopfer im Namen der Staatsräson ist. Die Dynamik, die aus dieser Konfrontation entspringt, weiß Polanski erstaunlich spannend in Szene zu setzen.

Erstaunlich nun ist das, weil man ja weiß, daß nach Justizskandal und Regierungskrise Dreyfus rehabilitiert wurde. Nicht zuletzt dank des Insistierens von Leuten wie Zola. Spannend wiederum ist INTRIGE aber, weil sich darin gerade durch die distanzierte Inszenierung und den historisierenden Blick eine Kontinuität zeigt, die durch die Zeiten bis in unsere Gegenwart reicht. Insofern ist dieser Film, gerade weil er alles andere als empört daherkommt, nicht zuletzt genau auch das: eine Anklage.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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