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Jahrhundertfrauen

Im schönen Licht vergangener Tage

California Dreamin’! So melancholisch warmherzig leicht wie den hübschen, alten Song von The Mamas & The Papas muß man sich diesen Film vorstellen. Also nicht als marmoriertes Werk, das sich welchen JAHRHUNDERTFRAUEN auch immer in großen Kinogesten nähert, sondern vielmehr als ein Zeit-, als ein Zeitgeistaquarell, konkret und flüchtig zugleich.

Ins Jahr 1979 führt die Geschichte. Nach Santa Barbara, Kalifornien. Zu Dorothea und Jamie. Sie, die alleinstehende Mutter, die den Sohn erst mit Mitte 40 bekam. Er, der Sohn, der mitten in der Pubertät steckt. Beide eingesponnen in ihre kleine, verrückte Welt. Offen im Umgang, liberal im Denken, den Künsten zugeneigt. In einem Haus wohnend, das als anheimelnde Dauerbaustelle bezeichnet werden könnte. Und in dem außerdem noch Abbie, ein wenig fotografierende Künstlerin, ein wenig feministisches Punk-Girl und mitunter verflucht einsam, und die 17jährige Julie leben. Oder, um genau zu sein, im Falle Julies eher in aller Selbstverständlichkeit ein- und ausgehen.

2010 erzählte Mike Mills in seinem wunderbaren BEGINNERS eine seinem Vater zugeeignete Geschichte. In JAHRHUNDERTFRAUEN hat sich der Drehbuchautor und Regisseur seiner Mutter gewidmet. Aber Achtung: Wie schon im Falle von BEGINNERS sollte man auch hier keine intimen Nähkästchenplaudereien erwarten, den Film nicht als autobiographisch daherpsychologisierende Sinnsuche lesen. Denn Mills ist ein Erzähler, ein Erfinder, ein Künstler – und auch JAHRHUNDERTFRAUEN ist durch und durch die Arbeit eines solchen.

Aus Jamie einen „guten Mann“ zu machen, ist das gemeinsame, halb verschwörerische, halb offen kommunizierte Anliegen von Dorothea, Abbie und Julie. In einem Amerika, in dem der Wind sich dreht, weg von den dem Gemeinwohl verpflichteten Prämissen des Demokraten Jimmy Carter, hin zur konservativ marktliberalen Kaltschnäuzigkeit der anstehenden Reaganomics-Jahre, mag das erst einmal kein schlechtes Unterfangen sein. Funktioniert natürlich trotzdem nicht ganz reibungslos. Auch, weil Jamie in Julie verliebt ist, die ihrerseits in dem Jungen eher etwas wie den vertrauen Seelenverwandten sieht. Und mit Verwandten hat man keinen Sex, wie progressiv auch immer man sein mag.

Wie gesagt, JAHRHUNDERTFRAUEN entspricht einem Aquarell. Motive, Stimmungen und Stimmen (konkret die von Dorothea und Jamie, die aus dem Off immer wieder aus ihrer jeweiligen Perspektive die Geschichte kommentieren) laufen in ruhigen, kraftvoll farbigen Bewegungen ineinander. Ein Muster entsteht: Die kleinen Kulturkämpfe (etwa Black-Flag-Punkrotzigkeit versus, so heißt es hier, „Kunstschwuchtel“-Musik à la Talking Heads), die lächerlichen und die echten Gefühlsdramen, die Dialoge, die eben nicht immer ausführen müssen, was gerade gefühlt wird. Und dann natürlich dieses empathische Beobachten. Allein, wie die Kamera Dorothea zuschaut, wenn die sich wieder und wieder ihre Zigaretten (Marke „Salem“) anzündet. Zeig mir, wie Du rauchst, und ich sag’ Dir, wie Du Dich fühlst …

Im auch ironischen Nachsinnen dieser Zeit, im Aufzeichnen ihres Denkens innerhalb eines konkreten, sozialen Mikrokosmos’, läßt Mills dabei Lebensträume erstehen (platzen, sich erfüllen), wie man sie sicherlich nicht nur in Kalifornien träumte. Aber vielleicht können sie wirklich nur dort in diesem Licht jener sog- und songhaften Spätsommermelancholie aufscheinen, die auch diesen Film trägt.

Originaltitel: 20TH CENTURY WOMEN

USA 2016, 119 min
FSK 0
Verleih: Splendid

Genre: Tragikomödie, Poesie

Darsteller: Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning, Lucas Jade Zumann

Regie: Mike Mills

Kinostart: 18.05.17

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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