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Jerichow

Christian Petzold erzählt von einer Ménage à trois und diagnostiziert subtil die Gegenwart

Sein großes Thema sind die Dinge des Alltags, von denen er präzise erzählt, ohne zu dozieren. Sein Stil gilt als reduziert, und er arbeitet seit Jahren mit einem festen Team, zu dem Nina Hoss und Benno Fürmann sowie Hans Fromm an der Kamera gehören. Christian Petzold ist als Autorenfilmer bekannt geworden, als einer, der mit klugen Bildern und mit einer intelligenten Erzählweise überzeugt, der aus der Differenz zwischen Realem und Imaginiertem schöpft. Stets siedeln seine Geschichten in geographischen Randgebieten, die sie bevölkernden Figuren bewegen sich in psychischen Grenzzonen. In WOLFSBURG, GESPENSTER und YELLA – retrospektiv eine Trilogie – dominiert die Vergangenheit, die Unmöglichkeit, ein von ihr abgekoppeltes Leben zu führen, das Schicksal der Figuren. Nun, in JERICHOW, scheint ihre Sehnsucht die nach einem vergangenen Zustand zu sein, vielleicht nach einem früheren Leben.

In einem kleinen Dorf im Nordosten, dort, wo es keine Arbeit gibt und selten einen Saisonjob, führt Petzold die Figuren seiner Ménage à trois zueinander. Thomas, der ehemalige Soldat, der am Ort seiner Kindheit ein neues Leben beginnen will; Ali, der türkischstämmige Unternehmer, eine Ausnahmegestalt, weil er es geschafft hat, gerade dort eine florierende Imbißkette aufzuziehen; Laura, dessen attraktive Gattin, eine unterkühlte, beinahe abweisende Frau. Thomas, der bei Ali Arbeit findet, erst als Fahrer, später als Assistent, ist zunächst Beobachter einer Beziehung, in der Ali, mißtrauisch und eifersüchtig, an Lauras geheimnisvoller Unnahbarkeit scheitert. Zwischen den Männern bahnt sich bald eine Freundschaft an, in der Thomas sein erwachtes Interesse an Laura verbergen muß. Doch bei einem Ausflug an die Ostsee ist es Ali selbst, der seine Frau dem Anderen zuführt – für einen Tanz beim gemeinsamen Picknick am Strand. Mit dieser ersten Berührung beginnt eine leidenschaftliche Affäre.

Überraschen mögen die klassisch-verhängnisvolle Konstellation, die auffälligen Anleihen beim Thriller-Genre und die Geradlinigkeit, mit der Petzold diesmal erzählt. JERICHOW ist dennoch eine konsequente Fortschreibung seiner Filmographie. Erneut verführt er den Zuschauer, die Psychogramme seiner Figuren mit zu entwerfen, ihre Geschichte mit zu erzählen. Einmal mehr arbeitet er mit Ellipsen, bedient sich dieser wirkungsvollen Technik der Auslassung, und wieder ist der Freiraum auch sichtbar, den er den Schauspielern gewährt, um die Figuren und ihre Beziehung zu entwickeln – die Bewegung in den Bildern gehört ihnen, nicht der Kamera. Subtil plaziert Petzold auch diesmal Perspektivwechsel sowie literarische und filmische Referenzen. Mit OSSESSIONE (verfilmt nach James M. Cains „The Postman Always Rings Twice“) findet sich hier das den italienischen Neorealismus begründende Debüt Viscontis zitiert und bereichert den eigenen Subtext um Rückkopplungen. Einmal mehr sind es Fragen, wie die nach der Vereinbarkeit von Arbeit, Geld und Liebe, ist es die Suche nach einer Heimat, die Petzolds Figuren umtreiben in einer Zeit, in der ganze Landstriche veröden, weil die Lohnarbeit verschwindet.

Der „Gurkenflieger“, auf dem Thomas sich kurzzeitig als Erntehelfer verdingt, erscheint im Film schon als ein Relikt vergangener Tage, die Bilder von verdreckten Arbeitern auf der Ladefläche eines Lastwagens gehören einer schon verblassenden Erinnerung. Ali, der erfolgreiche einstige Einwanderer, hat sich in der Fremde ein Zuhause geschaffen, in dem er nicht heimisch werden kann, und Laura formuliert eine schockierende Konsequenz, wenn sie sagt, daß „ ...man sich ohne Geld nicht lieben kann.“ Unmißverständlich wird so die Deutung der Verhältnisse als verhängnisvoll, als Grund des Scheiterns der Figuren.

Fast am Ende seines Filmes, dessen Szenerien auch diesmal zumeist gespenstisch leer bleiben, läßt Petzold ganz unvermutet eine Schulklasse auf Wanderschaft das Bild passieren. Die Sequenz ist nur kurz, fast beiläufig. In schöner Naivität und dabei so trefflich singen die Kinder: „Wohin soll denn die Reise geh’n?“

D 2008, 93 min
FSK 12
Verleih: Piffl

Genre: Drama, Liebe

Darsteller: Nina Hoss, Benno Fürmann, Hilmi Sözer

Regie: Christian Petzold

Kinostart: 08.01.09

[ Jane Wegewitz ] Für Jane ist das Kino ein Ort der Ideen, ein Haus der Filmkunst, die in „Licht-Schrift“ von solchen schreibt. Früh lehrten sie dies Arbeiten von Georges Méliès, Friedrich W. Murnau, Marcel Duchamp und Man Ray, Henri-Georges Clouzot, Jean-Luc Godard, Sidney Lumet, Andrei A. Tarkowski, Ingmar Bergman, Sergio Leone, Rainer W. Fassbinder, Margarethe v. Trotta, Aki Kaurismäki und Helke Misselwitz. Letzte nachhaltige Kinoerlebnisse verdankt Jane Gus Van Sant, Jim Jarmusch, Jeff Nichols, Ulrich Seidl, James Benning, Béla Tarr, Volker Koepp, Hubert Sauper, Nikolaus Geyrhalter, Thierry Michel, Christian Petzold und Kim Ki-duk.

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