Originaltitel: DRONNINGEN

DK/S 2019, 128 min
FSK 16
Verleih: SquareOne

Genre: Drama

Darsteller: Trine Dyrholm, Gustav Lindh, Magnus Krepper

Regie: May el-Toukhy

Kinostart: 18.06.20

1 Bewertung

Königin

Die perfide Kunst der Manipulation

Will man die Handlung von KÖNIGIN auf zwei Sätze bringen, könnte es passieren, daß der Eindruck entsteht, es handelte sich dabei um eines jener Werke, die als Moritat vom verbotenen Sex bevorzugt den Spanner im Moralisten oder auch den Moralisten im Spanner ansprechen sollen. Und tatsächlich würden, das kann man sagen, Moralist wie Spanner in May el-Toukhys KÖNIGIN durchaus was geboten bekommen: ziemlich expliziten Sex in ethisch mindestens fragwürdiger Konstellation – und die bösen Folgen des Ganzen.

Zwei Sätze zur Handlung: Anne, eine erfolgreiche Anwältin in ihren 40ern, die mit Ehemann und gemeinsamen Töchtern ihr luxuriöses Leben auf der Sonnenseite des Daseins genießt, verführt aus scheinbar heiterem Himmel Gustav, ihren 16jährigen Stiefsohn. Auf den erotischen Rausch folgt allerdings bald nicht nur ein böser Kater, sondern droht die das schöne Dasein zerstörende Katastrophe.

Im Grunde ist das tatsächlich alles, was es zur Handlung in KÖNIGIN zu sagen gibt. Aber in der echten Kunst geht es ja nie in erster Linie um das „Was?“, sondern immer um das „Wie?“. Und das zeigt sich grade auch dann am besten, wenn einem wie im konkreten Fall das „Was?“ eines ja durchaus klischierten Plots plötzlich gänzlich klischeefrei geboten wird. Entpuppt sich KÖNIGIN doch als irrlichterndes Psychogramm, das in kluger und auch perfider Weise alle allzu naheliegenden psychologischen Erklärungsmuster (also Klischees) à la „bürgerliche Frau in Sinnkrise“ unterläuft. Beziehungsweise geschickt damit spielt.

Denn es ist ein anderes Muster, das dieser Film hinter seiner nüchternen Inszenierungsfassade und mit Blick auf Anne entwirft. Ein Muster, in das nicht zufällig Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ eingewoben ist. Das Buch, das Anne ihren Töchtern vorliest und das hier, innerhalb dieses familiären Mikrokosmos’ im traumschönen Haus am Waldrand, nur eine dieser subtilen, gleichwohl wirksamen Verzerrungen markiert, die allemal von festgefügten Perspektiven auf vermeintlich trittsicheren Vernunftwegen in den Abgrund locken können.

Weshalb man KÖNIGIN mit größter Aufmerksamkeit schauen sollte. Auch für das, was hier schauspielerisch passiert. Vor allem Trine Dyrholm zeigt als Anne ein Glanzstück ambivalenten Charakters. Eine Herzkönigin, die ihr Reich (ihr Leben) gleichwohl mit dem kunstvoll manipulativen Geschick erstaunlicher Herzlosigkeit zu verteidigen weiß. Opfer inklusive.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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Königin ab heute im Kino in Leipzig