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La Antena

Wortlos geht die Welt zugrunde

Wie schön war es doch, als auf der Leinwand noch nicht so viel gequatscht wurde, als die Hauptverantwortung im filmischen Erzählen noch beim Bild lag, als jede Einstellung noch autonome, genialische Komposition war. So oder so ähnlich wird wohl der argentinische Regisseur Esteban Sapir gedacht haben, als er sich ans Werk machte, seinen zweiten Spielfilm auszuklügeln. Und man möchte ihm beipflichten angesichts des Augenschmauses in Schwarzweiß, den Sapir mit LA ANTENA, seiner Hommage an das Stummfilmkino, geschaffen hat. Die visuellen Einfälle sprießen in jeder Szene, und man wünscht sich ein weiteres Paar Augen, um alle Blüten der Kreativität erhaschen zu können, und ein zweites Hirn obendrein, um all die Reminiszenzen an Méliès, Lang, Murnau & Co. zu begreifen.

Die erzählte Geschichte steht im Gegensatz zur Bildopulenz. Märchenhaft einfach beginnt sie mit einem "Es gab einmal eine Stadt É" In dieser Metropole wurden den Bürgern die Stimmen geraubt. Die Macht über die Menschen hat der Medien-Diktator Señor TV. Dieser hat eine Sängerin in seiner Gewalt, die, wie er glaubt, als Einzige noch eine Stimme besitzt. Mit Hilfe ihrer Gabe will der Megalomane die Massen hypnotisieren, um den Leuten außer ihren Stimmen auch noch die Wörter zu rauben. Doch die stimmbegünstigte Dame hat einen blinden Sohn, der ebenfalls noch sprechen kann und die Pläne des Medienmoguls gefährdet. Der namenlose Held, einst Angestellter bei Mr. TV, muß nun mit Hilfe seiner Tochter und Ex-Frau den Jungen retten und die Zukunft der Welt obendrein.

Orwell und Huxley lassen grüßen, für seine Medien- und Systemkritik wählt Sapir bewußt den Holzhammer. Die Einfachheit der Symbolik gipfelt in einem Fernduell zwischen Hakenkreuz und Davidsstern. Das mag dem ein oder anderen zu Recht etwas dick aufgetragen vorkommen. Insgesamt ist Sapirs zweiter Spielfilm mehr ein Fest für die Augen als eine ernstzunehmende Politparabel. In jedem Fall kann LA ANTENA aber als gelungenes Formexperiment bezeichnet werden, das als visuelle Erfahrung im Gegenwartskino Seinesgleichen sucht. Für eine solche Ausnahmeerscheinung sollte man als Filmfreund unbedingt ein Wort einlegen.

Originaltitel: LA ANTENA

Argentinien 2007, 95 min
FSK 12
Verleih: Capelight

Genre: Stummfilm, Drama

Darsteller: Alejandro Urdapilleta, Valeria Bertuccelli, Julieta Cardinali, Rafael Ferro, Raúl Hochman

Stab:
Regie: Esteban Sapir
Drehbuch: Esteban Sapir

Kinostart: 07.02.08

[ Paul Salisbury ] Paul mag vor allem Filme, die von einem Genre ausgehen und bei etwas Neuem ankommen. Dabei steht er vor allem auf Gangsterfilme, Western, Satire und Thriller, gern aus der Hand von Billy Wilder, Sam Peckinpah, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, den Coen-Brüdern oder Paul Thomas Anderson. Zu Pauls All-Time-Favs gehören DIE GLORREICHEN SIEBEN, TAXI DRIVER, ASPHALT COWBOY, SUNSET BOULEVARD, POINT BLANK ...

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