Originaltitel: LA PIVELLINA

Österreich/I 2009, 100 min
Verleih: Filmgalerie 451

Genre: Dokumentation, Drama

Darsteller: Patrizia Gerardi, Asia Cripaa, Walter Saabel, Tairo Caroli

Regie: Tizza Covi, Rainer Frimmel

Kinostart: 27.05.10

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La Pivellina

Wenn kleine Mädchen träumen dürften

Ganz in Rosa, in bester Sonntagskleidung, findet Patti die Kleine auf einer Schaukel, als sie ihren Hund Bonaparte sucht. Wir befinden uns am Stadtrand von Rom, aber das tut nichts zur Sache, denn Patti und ihr Mann Walter leben immer am Rand, egal wo. Sie betreiben einen kleinen Wanderzirkus und leben im Wohnwagen. Gerade ist es Winter, und außer mit wenigen Auftritten ist kein Geld zu verdienen. Es wird dunkel, und noch immer scheint keiner das Mädchen auf der Schaukel zu vermissen. Ein Zettel in ihrer Jackentasche gibt dann Gewißheit: Ihre Mutter hat sie mit Absicht hier gelassen und will sie irgendwann wieder abholen.

Dieses Irgendwann gibt den Rhythmus des Filmes vor, denn es bestimmt die Gefühlsmischung aus Warten und Herantasten, Loslassen und Hoffen, die im Raum steht. Die Zeit, die die Regisseure Tizza Covi und Reiner Frimmel dem Zuschauer lassen, sich der Zirkusfamilie und dem Mädchen Asia zu nähern, haben sie sich auch selbst genommen. Ohne festen Zeitplan und ausgeschriebene Dialoge entwickelten sie gemeinsam mit Patti und Walter, den Protagonisten ihres vorher gedrehten Dokumentarfilms BABOOSKA, die Szenarien. Nur die grobe Struktur stand fest, alles andere war der Improvisation überlassen.

Dieser Balanceakt zwischen Inszenierung und dokumentarischem Arbeiten ist spannend, reflektiert er doch auch den Umgang mit der Kamera als Medienpräsenz. Setting und Personen sind „real“, die Vertrautheit „echt“ und die Geschichte, daß eine Mutter ihr Kind an genau solch einem Ort zurückläßt, „glaubhaft“. Das Verschwimmen der Grenzen zwischen Fiktionalem und Authentischem ist das Verstörende und Berührende zugleich, denn die beobachteten Momente, die die Kamera einfängt (Patti und das Mädchen am Meer, Walter mit ihr im Park, der Nachbarsjunge Tairo mit ihr beim Spielen in den Pfützen) bergen in ihrer Schlichtheit den Abgrund: Die Anwesenheit eines Kindes verändert alles, sollte alles verändern. Von der Unschuld, die schon früh Narben bekommen kann, den Verlustängsten, der immensen Verantwortung, die Elternschaft mit sich bringt, und der Sehnsucht nach einem Geborgensein wird erzählt, ohne all dies dialogisch auszuformulieren.

Dazu am Rande ein kleines Sittengemälde des „wächsernen“ Konservatismus’ in Italien, verfangen in düsteren Regenwolken – Film als wunderbares Kaleidoskop der vermeintlichen Realität.

[ Susanne Schulz ]

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