Originaltitel: LA VÉRITÉ

F 2019, 108 min
FSK 0
Verleih: Prokino

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Ethan Hawke, Ludivine Sagnier, Manon Clavel

Regie: Hirokazu Kore-eda

Kinostart: 05.03.20

1 Bewertung

La vérité

Ein Superstar bekennt sich (vielleicht)

Liegt Catherine Deneuve – nunmehr auch schon 76 – nachts wach, von Unaufgearbeitetem verfolgt? Hat sie, Hildegard Knef sang es einst, ihre Eitelkeit weltenweit getrieben, weswegen sie den großen Abschlußtest nicht bestehen könnte? Man mag es meinen: kürzlich die Selbstabrechnung in DER FLOHMARKT VON MADAME CLAIRE, jetzt eben LA VÉRITÉ. Zwei Darstellungen divöser Persönlichkeiten, unglücklicher Ehefrauen, versagender Mütter.

Da sorgt die unausgesprochene, aber dominierende Frage, welcher Anteil Catherine eigentlich hier in dieser fiktiven Fabienne steckt, für doppelte Betrachtungsböden und aufmerksam geschärfte Blickwinkel. Besagter alternder Filmstar (!) hat unlängst ihre Memoiren veröffentlicht, sich darin zur Supermama stilisiert, Tochter Lumir allerdings schäumt: alles erlogen! Aus dem geplanten Glückwunschbesuch wird Konfrontation. Weil Juliette „Lumir“ Binoche definitiv ihre überkandidelte Phase beendete, sich auf frühere schauspielerische Zurückhaltung besinnt, kann das Miminnenduell seinen Lauf nehmen – en garde! Ethan Hawkes sowieso desinteressiert gezeichneter Rollenhülle als Ehemann bleibt nur das Zusehen.

Und auf so einiges wäre Augenmerk zu richten: Zum Beispiel die Lücke in Fabiennes Kommunikation – offen zu Markte getragene aggressive Zickigkeit trifft auf unangenehme Sprachlosigkeit gegenüber Lumir. Wenig zu sagen gibt’s tatsächlich nicht, das „Was?“ quält nie, „Wie?“ bereitet im schweigenden Rückzug resultierende Probleme. Trotzdem immer wieder beidseitig eruptive Ausbrüche, messerscharfe Einzeiler schneiden durch gestörte Wellenlängen, Gefühlskrustenbildung und zu lange Verheimlichtes. Jeder von uns geht mit der Vergangenheit ins Bett, um sie morgens neu willkommen zu heißen; davon kündet das erstmals beruflich vereinte Damendoppel fein ausbalanciert zwischen am wunden menschlichen Makel rüttelnd und dennoch grandios unterhaltsam. Fabienne weiß halt genau, wie strahlendes Lächeln funktioniert, während sie Dolche in Rücken rammt. Beziehungsweise selbige reingestochen kriegt.

Wenn LA VÉRITÉ außerdem das Busineß kommentiert, Dreharbeiten begleitet, hinter Kulissen schaut, dient das erneut der Symbiose aus ironischer Brechung und ausgeloteter Charaktertiefe. Um schließlich eine spannende Denkeinladung auszusprechen: Ist Wahrheit grundsätzlich keine Pflicht, sondern flexible Privatangelegenheit?

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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