Originaltitel: MARGUERITE

F/Tschechien/Belgien 2015, 127 min
FSK 12
Verleih: Concorde

Genre: Tragikomödie, Musik

Darsteller: Catherine Frot, André Marcon, Michel Fau, Christa Théret

Regie: Xavier Giannoli

Kinostart: 29.10.15

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Madame Marguerite

Um Kopf und Kragen in fünf Akten

Wer sich unvorbereitet mit einer Flasche Rotwein aufs Sofa setzt und eine CD von Florence Foster Jenkins in den Player wirft, macht diesen Fehler bloß einmal – findet er sich doch flugs am Boden wieder, die Ohren schrillend, der Wein zu Essig vergoren, sämtliche Nachbarschaftskatzen vor dem Fenster versammelt. Denn: Jene Dame trällerte – gütig formuliert – echt schlecht. Die Überlieferung sagt, daß unserer Florence’ Kunst eine Zuhörerin in Hysterie versetzte; dennoch frönte sie der Passion bis zum Tod, In-Your-Face-Grabsteinspruch inklusive, finanziert durch angeheirateten Reichtum.

Zeitzeugen nannten Jenkins indes auch großzügig, eine Arme unterstützende Gönnerin, und beide Faktoren zusammen machen vermutlich den ungebrochenen Ruhm aus, während man „Konkurrentinnen“ wie Helene Chutzpah oder Sari Bunchuk Wontner vergaß. Ergo ist’s Zeit, das bedauerliche Untalent auf die Leinwand zu bannen, und ehe 2016 Meryl Streep die Diva verkörpert, kommt nun ein Film, welcher eher lose auf ihrer Person basiert.

Alle Zeichen stehen vorerst auf Komödie, und klar hätte Mozart, Bizet und Bellini ad hoc der Schlag getroffen. Catherine Frot mimt das Florence-Quasi-Double Marguerite Dumont, Baronin und Opernstar im eigenen Schloß, intim der Rahmen, erlaucht das Publikum. Marguerite mordet einige Arien, ein Teil der geladenen Speichellecker flüchtet ins Nebenzimmer, andere lachen, alle jubeln heuchlerisch, Marguerite nimmt die falschen Ehrungen rotwangig entgegen, nur bitte keine Fotos! Und dann reift der Plan eines öffentlichen Konzerts. Wenige Vorbereitungswochen bleiben noch, zu Trainingszwecken engagiert Marguerites Diener einen abgehalfterten Tenor. Die Katastrophe scheint unabwendbar ...

Womit der Film seinen eine schräge Musikbesessene recht gnadenlos vorführenden Witz gegen die wirkliche Intention tauscht, Marguerite als (alterstechnisch eigentlich schon lange nicht mehr) jugendliche Naive porträtiert, hilflos durchs humane Haifischbecken paddelnd, umzingelt von auf den eigenen Vorteil bedachten Menschenmonstern, denen es nichts ausmacht, sie zur „Stimme Frankreichs“ zu erheben und die folgende desaströse Blamage auszukosten. Sollte es ein Zufall sein, daß Marguerite im stillen Kämmerlein ausgerechnet „Addio del passato“ hört, kratzend auf dem Grammophon gespielt? Wohl kaum.

Hinter der im Haar wippenden Pfauenfeder, dem hausbackenen Grinsen, den prächtigen Kostümen und wunderhübsch nostalgischen Bildern frißt unersättliche Einsamkeit, faßt die Verzweiflung Fuß. Minimale Verschiebungen des emotionalen Gefüges legen dunkle Abgründe frei, die Sehnsucht einer Zurückgewiesenen, vom Gatten und Leben Betrogenen nach Anerkennung und Zuneigung. Unerfüllt, weil selbst Vertraute irgendwann die Masken ablegen, zu eiseskalt berechnenden Zynikern mutieren. Da trifft Frot unverändert weiterhin stets die richtigen Darstellungstöne, verbeißt sich regelrecht in der Rolle, vollbringt das Kunststück, mit zunehmender Wahnhaftigkeit immer jünger zu wirken. Zuletzt gar fast einem schutzlosen Kind gleich.

Schließlich der finale Akt, Marguerite steht auf den Brettern, die ihre Welt bedeuten, engelsgleich herausgeputzt. Aber der Himmel ist, wie so oft, fern. Und uns, den anfangs zum Spott Verführten, im Mittelteil Angerührten und gegen Ende in den Morast aus Lüge und Dreck Gestoßenen, bleibt das Lachen endgültig schmerzhaft drückend stecken zwischen Bauch und Hals, auf Brusthöhe.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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