Originaltitel: MR. TURNER

GB 2014, 149 min
FSK 6
Verleih: Prokino

Genre: Biographie, Historie, Drama

Darsteller: Timothy Spall, Dorothy Atkinson, Paul Jesson, Ruth Sheen

Regie: Mike Leigh

Kinostart: 06.11.14

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Mr. Turner

Die Sonne ist Gott!

Er grunzt. Er fletscht die Zähne. Seine Saiten sind nicht zart. William Turner darf das, denn er ist William Turner. Schwurbeln dürfen andere, er ist Maler. Sein England des frühen 19. Jahrhunderts hat schwer am Dunkel der Kammern zu kauen, Licht muß werden, denn „Die Sonne ist Gott!“ Dieser Satz beendet ein 76jähriges Leben, 26 davon klammert der britische Filmemacher Mike Leigh in seinem neuesten Werk, das so nüchtern wie treffend nur MR. TURNER heißt. Wieder einmal gehört der deutsche Beititel „Meister des Lichts“ übertüncht.

Historische Stoffe sind für Mike Leigh bestenfalls Ausnahme. Er, der für grandiose Studien des gewöhnlichen Lebens bekannt ist und dafür von Kollegen wie Filmfreunden hoch verehrt wird, muß sich aber für dieses Biopic nicht neben sich stellen. Leigh macht aus Turner einfach einen von diesen gewöhnlichen, außergewöhnlich begabten Menschen. Frei im Geist und dennoch dicht an überlieferten Fakten, enträtselt er den Maler nicht, blendet bestenfalls auf ihn, besieht ihn in seiner Normalität wie Extravaganz mit eigener Blende und Schärfe.

Wie er anfangs so dasteht an einem holländischen Kanal im Dämmern, scheint es, als sei er nur an Orten wie diesen mit sich im reinen. Doch William Turner, das renommierte Mitglied der Royal Academy, läßt sich auch schon mal an den Mast eines Segelschiffs binden, um dem Sturm nahe zu sein. Oder eilt im Nachthemd auf die Straße, um eine tote Frau zu skizzieren.

William Turner war wohl besessen von seiner Kunst. Aber er war viel mehr. Daß der Film nicht den Spagat zwischen Kindheit und Tod wagt, nützt der Genauigkeit. Nur so kommt der Zeitgeist mit Gesichtern, Kostümen und Gerüchen wirklich aus der Flasche, gibt es reine, ausführliche Szenen zwischen Turner und seinem alten Vater, zwischen Turner und einer heimlichen Liebe an der Küste, zwischen ihm als versagendem Vater und der fernen Familie, wird er im Kreis seiner Konkurrenten gezeigt, wo sich, wie perforiert, die Gebaren des Kunstgeschäfts zeigen. Und das in einer Epoche, da es ausgerechnet William Turner war, der die Mauern zur Moderne niederzureißen begann und sich mit der radikalen Entscheidung gegen einen Ausverkauf seines Werks treu geblieben ist.

Aus der Riege des – wie stets bei Mike Leigh – urkräftigen Drehteams einen Einzelnen herauszuheben, verbietet sich eigentlich von selbst. Kameramann Dick Pope sei es trotzdem zugedacht.

[ Andreas Körner ]

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