Noch keine Bewertung

O

Shakespeare für Basketballer

"Aus Höll’ und Nacht sei diese Untat an das Licht gebracht." spricht Bösewicht Jago, geht ab und inszeniert fortan ein übles Spiel aus Intrigen und Verleumdungen, dem bekanntermaßen nicht nur die Liebe zwischen dem Mohren Othello und der sittsamen Desdemona zum Opfer fällt, sondern auch ein erheblicher Teil des Dramenpersonals. Daß finale Blutbäder, zumal beim jugendlichen Publikum, ganz gut ankommen, ist eine Sache. Wenn man sie sich aber mühsam aus Shakespeares gesammelten Werken erschließen muß, ist’s mit der blutrünstigen Aufmerksamkeit fix vorbei.

Regisseur Tim Blake Nelson hatte wohl vor allem ein Auditorium von gelangweilten Oberschülern im Blick, als er sich für eine Drehbuchfassung des Othello-Stoffes interessieren ließ, die das Intrigenpuzzle ganz lebensnah an eine Privatschule in den Südstaaten der USA verlegt. Während Othello, Jago & Co sich bei Shakespeare ihre Lorbeeren noch auf mediterranen Schlachtfeldern verdienen mußten, geht es jetzt um die Ehre auf dem Basketball-Feld - um Existentielles eben. Um der Sphäre des bunten Studentenlebens selige Vertrautheit einzuhauchen, wurde aus Jago ein von Leben und Vater ewig übergangener Ballspieler namens Hugo, Othello nennt sich nunmehr Odin (der Filmtitel gibt sich gar mit einer Silbe zufrieden), und - besonders hübsch - Desdemona geriet zu Desi.

Doch auch wenn sich unsere Jugendfreunde von nebenan in gefälligem Hochamerikanisch verständigen - die Filmmannschaft kennt ihren Shakespeare und spinnt in wütender Werktreue die Intrigenfäden nach, dehnt sie leidlich verwegen einmal zum Rassen-, ein andermal zum Sportdrama. Auf dem beschwerlichen Weg von der elisabethanischen Tragödie zur Campus-Geschichte haben sich notgedrungen auch die Besetzungspräferenzen geändert, so daß sich Jagos verbales, die Handlung ins Wahnhafte treibende Gift plötzlich zwischen den bebenden Lippen des blassen, netten Josh Hartnett wiederfindet, der mit dem bösartigen Charisma einer Natter ungefähr so viel zu tun hat wie ein Teletubby.

Originaltitel: O

USA 2001, 98 min
Verleih: Concorde

Genre: Tragödie, Teenie, Literaturverfilmung

Darsteller: Mekhi Phifer, Josh Hartnett, Julia Stiles, Martin Sheen

Regie: Tim Blake Nelson

Kinostart: 24.01.02

[ Sylvia Görke ]

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.