Originaltitel: FADING GIGOLO

USA 2013, 91 min
FSK 0
Verleih: Concorde

Genre: Tragikomödie, Liebe

Darsteller: Woody Allen, John Turturro, Sharon Stone, Vanessa Paradis, Liev Schreiber, Sofia Vergara, Bob Balaban

Stab:
Regie: John Turturro
Drehbuch: John Turturro

Kinostart: 06.11.14

5 Bewertungen

Plötzlich Gigolo

Von Freundschaft und dem Trinkgeld solventer Damen

Dieser wunderbare Film ist altmodisch. Im besten Sinne altmodisch, weil er von Zusammenhalt erzählt, von Typen, die noch ganz herkömmlich gebrauchte Bücher oder handgebundene Blumensträuße verkaufen, weil er grobkörnige Bilder eines herbstlichen New Yorks zeigt, das mit dem heutigen Yuppie-Frapucchino-Moloch wenig gemein zu haben scheint. Die erwähnten Typen sind der ruinierte Buchhändler Murray Schwartz und sein Floristenfreund Fioravante, welche Lösungen aus (Geld-)Krisen suchen und finden, die – vorsichtig ausgedrückt – ungewöhnlich und dabei von einem erfrischenden, naiven Ferienlagerjungencharme sind.

Eine wäre: Murrays Hautärztin vertraut sich ihm an, daß sie und eine ähnlich hochbeinige Freundin Interesse an einer Ménage-à-trois hätten, ob er nicht jemand kenne? Er selbst scheidet aus, zum einen spielt Woody Allen diesen Murray, zum anderen liegt dessen erster und letzter Dreier knapp 40 Jahre zurück – während eines Stromausfalls in der Stadt. Was also liegt näher, als den doch gutaussehenden Fioravante zu fragen? Das wird Murray auch, und er macht dies so, wie Allen es geschrieben hätte. Hat er aber nicht, Turturro tat es und gab sich gottlob keine Mühe zu vertuschen, bei wem er gelernt hat. Und so sind es auch hier und gerade in den Szenen der Überzeugung Fioravantes diese wunderbar geschachtelten, leicht umständlichen Dialogsätze, die bisher noch jede Allen-Komödie adelten. Herrlich, wie hier auf Pointen hingearbeitet wird, keine depperten Comedian-One-Liner, altmodisch eben auch das Witzerzählen.

Fioravante ist natürlich erst einmal mindestens skeptisch, doch Murray war nicht umsonst jahrzehntelang Buchverkäufer, und schon ist der Zuschauer mittendrin in teils brüllkomischen Kurzverhandlungen über Moral, Vermittlerprovision und darüber, wie man eigentlich das Trinkgeld solventer Damen teilt. Natürlich müssen bei einem derartigen Gespann aus Lude und Callboy neue Namen her – Virgil Howard und Dan Bongo. Wer wer ist, erraten Sie selbst! Dann trifft Murray auf die jüdische Witwe Avigal, die von Vanessa Paradis in einer an die dänisch-französische Godard-Muse Anna Karina erinnernden Anmut gespielt wird, Fioravante wird vermittelt, aus der Rückenmassage wird zwar körperlich nicht mehr, aber zwischen dem Floristen und der streng nach jüdisch-chassidischem Gebot lebenden Avigal beginnt es zu knistern.

Ab hier bekommt der Film einen ganz anderen Ton, der ihm jedoch gut steht und ihn auch von zu großer Nähe zum klassischen Woody-Allen-Lachstück emanzipiert: Melancholie schleicht sich ein, die zärtlichen Bilder von Rückenmassagen, schüchternen Blicken und sehnsuchtsvollen Begegnungen orchestrieren diese, und da Avigal von einem strengen Chassiden seit Jahren begehrt wird, und der Autor Torrentino sich weitere Haken gönnt, steht Murray schließlich in einer herrlich absurden, an Mafia-Filme erinnernden Tribunalszene vor sehr orthodoxen Juden. Der jüdische Humor ist selbstironisch und paßt dabei ganz fabelhaft zu dem der „atheistischen“ Figuren, wie die bereits erwähnte Dermatologin. Die wird von einer spielfreudigen und noch immer blendend aussehenden Sharon Stone gegeben, welche ihr eigenes soziales Engagement veralbernde Sätze wie diesen sagt: „Ist er auch clean? Ich meine, ich komme gerade von einer AIDS-Gala!“

Doch noch einmal zurück auf Anfang: Altmodisch ist Turturros Film auch deswegen, weil er von aufrichtiger Freundschaft erzählt. So schräg Murrays Vorschlag zum Geldverdienen auch ist, Fioravante läßt ihn nicht im Stich, immerhin gab ihm der Bücherkauz einst eine Chance, nachdem er als junger Typ bei ihm in den Laden einbrach.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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