D/Belgien 2003, 90 min
Verleih: Eigenverleih Karin Kaper

Genre: Dokumentation

Darsteller: Judith Malina, Hanon Reznikov

Regie: Dirk Szuszies, Karin Kaper

Kinostart: 11.11.04

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Resist!

Leben im theatralischen Imperativ

Das Living Theatre, 1947 in New York gegründet, gehört zu den einflußreichen Theaterinstitutionen des letzten Jahrhunderts, sicher auch zu den am schwersten greifbaren. Nicht nur, weil es selten eine feste Adresse hatte, mal als reines Tournee-Unternehmen, mal von Dependancen in Europa aus agierte. Programm war, Kunst an den institutionellen Grenzen vorbei auf die Straße zu tragen, Trennlinien zur politischen Aktion nicht gelten zu lassen. Doch was heißt da "war"?

Zuallererst ist diese Dokumentation über das oft totgesagte Living sein unwiderlegbarer Lebensbeweis: ein Energie-Aura-Bild der fast achtzigjährigen Gründerin und Piscator-Schülerin Judith Malina, die bis heute das mit Kunst- und Lebenspartner Julian Beck begonnene Projekt fortsetzt. Nach Becks Tod 1985 steht ihr vor allem Hanon Reznikov zur Seite, der beide liebte, obwohl sie ihm zusammen "sexuell ein bißchen zu viel" waren, wie er gesteht. Gute alte Hippie-Zeiten, weit weg von den ganz jungen Mitstreitern. Aber auch sie glauben an den radikalen Pazifismus und daß man ihn in Spielszenen mit klarer Aussage Gewalttätern und -opfern gleichermaßen nahebringen kann: am Ground Zero, beim Protestieren gegen die Todesstrafe, auf dem G8-Gipfel in Genua, wo aufgebrachte Globalisierungsgegner ihrem "Peace!" ein "Piss Off!" entgegenrufen.

Dirk Szuszies, in den 80ern selbst Teil des Living, und seine Co-Regisseurin begleiten mit großer Vertrautheit und Sympathie, aber doch auch mit Gespür für ideologische Paradoxien und Selbstzweifel eine Polit- und Theaterbewegung, die ihre Ideen globalisierte, noch bevor der Begriff schick wurde. Natürlich mußte daraus ein Reisefilm werden. Er führt in die Vergangenheit, zeigt Mitschnitte legendärer Aufführungen. Im Zentrum jedoch steht die Gegenwart, ein Workshop im Libanon. Israelische Bomben und Folterer haben hier gewütet. Den engagierten Friedenstouristen halten die Einheimischen ihr Recht auf Selbstverteidigung entgegen. Die aus Nazi-Deutschland emigrierte Jüdin Malina kann das verstehen, aber nicht unterstützen.

In solchen Momenten ist RESIST! viel mehr als "nur" ein informativer und sehenswerter Kommentar zur Off-Theatergeschichte. Hier stellen sich Fragen: nach Naivität und Zynismus, nach Kunstwollen und Leben müssen.

[ Sylvia Görke ]

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