Originaltitel: KAPSALON ROMY

NL/D 2019, 90 min
FSK 0
Verleih: Farbfilm

Genre: Drama

Darsteller: Vita Heijmen, Beppie Melissen, Bianca Krijgsman, Markus Frank, Wolfgang Riehm

Regie: Mischa Kamp

Kinostart: 06.02.20

2 Bewertungen

Romys Salon

Kleines Mädchen versus großes Vergessen

Völlig uneingeschränkt taugt Stine nicht zur Sympathieträgerin: unabhängige End-60erin (wobei „mürrische Kratzbürste“ es wohl eher trifft), die es nervt, sich nachmittags um Enkelin Romy kümmern zu sollen. Romy teilt solche Abneigung, beste Voraussetzungen also für ein spannungsgeladenes Aufeinanderprallen – bis Stine unvermittelt Unsicherheiten beim Bedienen der Kasse ihres im Alleingang geführten Frisiersalons zeigt. Dann verschwindet viel Geld, neue Aussetzer treten auf, Stine deponiert ein Buch im Kühlschrank, ihre Stimme flackert voller Furcht, als sie Romy bittet: „Sag’ nichts Deiner Mama!“

Wenn irgendwann schließlich die Diagnose Demenz klar artikuliert im Raum steht, hat sich das Oma-Kind-Verhältnis bereits um 180° gedreht, die 10jährige beschützt nun ihre Großmutter, aus schüchterner Annäherung wurde Abhängigkeit – und wuchsen sacht ziemlich unverhoffte Bande. Das zu ernste, zwischen getrennten Elternteilen hin- und herwandernde, darin aufgeriebene Mädchen (unbeschwerte Kindheiten kennt das Kino ja relativ selten) kann plötzlich lächeln. Arbeitstier Stine nimmt einen Tag frei, einfach so, verbringt ihn mit Romy shoppend. Und zwei Darstellerinnen weit entfernter Generationen ergänzen, motivieren, befeuern einander, ihrem wunderbaren Zusammenspiel möchte man endlos zuschauen, sie rühren und reißen mit, begegnen sich auf Augenhöhe.

Angesichts der guten Sache ist da klaglos zu akzeptieren, daß ein normalerweise Jahre dauernder Krankheitsverlauf sich auf wenige Wochen verdichtet, einige Szenen schlicht dramatisch übertreiben, und die schönste Idee jegliche Realität eigentlich komplett aushebelt: Romy entscheidet, Oma aus dem Pflegeheim zu holen, gemeinsam auf große Reise zu gehen, nach Dänemark, Stines Heimat. Was natürlich ohne nennenswerte Anstrengungen glückt, sogar ein unerwartetes Wiedersehen ermöglicht. Aber wen stört’s?!

Im Dienste der Humanität ist jedes erzählerische Mittel recht, und manchmal muß eben ein Nacktbad her, um Erinnerungsmacht von kaum aushaltbar überwältigender Wucht auf angenehme Wärme zu schrumpfen, ungeachtet externer Unterstützung nicht aufzuhaltender Entmündigung die Stirn zu bieten, Stines bedrohte Würde zu wahren. Sie kanalisiert ihre ganze Gefühlspalette in einem nur kurzen zynischen Ausbrechen, will sich „einschläfern“ lassen – diesen Kloß im Hals bekommt man so schnell nicht los.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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