Originaltitel: IL Y A LONGTEMPS QUE JE T’AIME

F 2008, 115 min
FSK 6
Verleih: Alamode

Genre: Drama

Darsteller: Kristin Scott Thomas, Elsa Zylberstein

Regie: Philippe Claudel

Kinostart: 13.11.08

1 Bewertung

So viele Jahre liebe ich Dich

Sensibles Drama über das Eingesperrtsein

Sich unbeholfen vortastend erkundet Juliette das Haus ihrer jüngeren Schwester Léa. Wie jemand, der geraume Zeit nicht in der alltäglichen Welt gelebt hat. In langen, sorgfältig komponierten Einstellungen zeigt der französische Romancier Philippe Claudel in seinem Erstlingswerk als Regisseur die zögerliche Rückkehr einer verschlossenen Frau in das Leben einer Familie - ihrer Familie. Oder das, was nach fünfzehn Jahren Isolation davon noch übrig geblieben ist. Denn die Eltern hatten den Kontakt zu Juliette abgebrochen, Léa wie ein Einzelkind aufgezogen, nachdem Juliette zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Doch nicht die begangene Tat und ihre Aufarbeitung rückt in den Focus der Erzählung, sondern die Reaktion der Umwelt auf die verstörende und zugleich geheimnisvolle Gebrochenheit Juliettes, die von einer überwältigend präsenten Kristin Scott Thomas dargestellt wird. Überall, wo sie auftaucht, scheint eine chemische Kettenreaktion von Gefühlen in Gang zu kommen, ohne daß Juliette selbst viel von sich preisgibt. So vertraut ihr Bewährungshelfer bei der Polizei, Capitaine Fauré, ihr seinen größten Traum an - eine Reise zu dem gewaltigen Fluß Orinoko, der in Wahrheit für seine ganz persönliche Weltflucht steht. Auch Michel, ein Kollege von Léa, gerät in den Bann der schönen, schweigsamen Frau, und ihre jüngere Schwester selbst konfrontiert sie mit lang unterdrückten Emotionen. Ganz langsam entsteht neues Vertrauen zwischen den Schwestern, und die Frage nach dem großen Warum, das Juliette so lange mit sich herumgetragen hat, ohne irgendwem eine Antwort zu geben, verdichtet sich zu einem reinigenden Konflikt. Juliette, die früher als Ärztin arbeitete, hat das Leben ihres damals sechsjährigen Sohnes auf dem Gewissen.

Claudel läßt diese monströs erscheinende Tat in jeder Szene unterschwellig mitschwingen und erzeugt damit eine ambivalente Stimmung. Das innere Gefängnis, welches Juliette nie verläßt, wird potenziert durch die Ängste und Vorurteile, die man ihr von Außen entgegenbringt. Wie soll man auch mit einer Kindsmörderin umgehen? Welche Form der Normalität ist für Juliette überhaupt erreichbar? Claudels sensibles Drama zeichnet die psychologische Studie einer charismatischen Außenseiterin, die die Frage nach Schuld auf respektvolle und unkonventionelle Art und Weise formuliert.

[ Susanne Schulz ]

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