F 1984-88, 436 min
Label: Studio Hamburg

Genre: Drama, Gangster, Komödie

Darsteller: Michel Piccoli, Jean-Paul Belmondo, Jean-Louis Trintigant, Annie Girardot, Charlotte Rampling

Regie: Claude Lelouch

Filme von Claude Lelouch, Teil 4

Nach dem künstlerisch eher schwachen Übergang von den 70ern in die 80er fuhr Claude Lelouch Mitte der 80er Jahre zur Hochform auf, es gelangen ihm einige seiner stärksten Filme, was der vierte Teil der Sammlung untermauert.

Den Anfang macht WEGGEHEN UND WIEDERKOMMEN, der zweifellos beste und berührendste Film im Œuvre des Filmemachers. Es ist die Geschichte eines unfaßbaren Verrats. Gewohnt sperrig führt Lelouch ein, der kantige Prolog dient zur Vorstellung der Figuren (und wie so oft bei Lelouch der Nennung der sie gebenden Darsteller), es geht von der Gegenwart, in der die Schriftstellerin Salomé Lerner ihr neues, biographisch gefärbtes Buch vorstellt, in dem sie vom Verlust und der 40 Jahre späteren Reinkarnation ihres Bruders, einem talentierten Rachmaninow-Pianisten, schreibt, hin zu einer feiernden Runde, bei der sich die Protagonisten uneins sind, ob es nur das Ende des Sommers oder doch der Beginn des Zweiten Weltkrieges ist. Beides tritt ein, Salomés jüdische Familie wird hinterhältig von der Concierge verraten und muß über Nacht vor der Gestapo aus Paris fliehen. Sie kommen bei engen Freunden auf dem Land unter. Doch auch dort sind sie vor Denunziation nicht sicher, die Wehrmacht verschleppt sie, und Salomé wird die einzige sein, die das KZ lebend verläßt.

Lelouch spielt mit Krimi-Elementen bei der Suche nach dem Verräter, er erzielt zahllose Gänsehautmomente, wenn er die Musik reduziert, die Kontraste aus den Bildern weichen läßt. Es gelang ihm ein zu Tränen rührendes Werk über Mut und Feigheit, Verrat und Verzeihen, und das ambivalente Spiel der unvergleichbaren Annie Girardot läßt eine wahrlich große Schauspielerin schmerzlich vermissen.

In gewisser Weise verflicht Lelouch auch in ES LEBE DES LEBEN Genrekoloraturen, Sci-Fi-Elemente gesellen sich zur Liebesgeschichte, Motive des Politthrillers vermengen sich mit denen eines Gesellschaftsdramas. Michel, Chef der europäischen Dependance eines großen amerikanischen Unternehmens, verschwindet für drei Tage, kehrt dann wieder heim, kann sich an nichts erinnern. Gleiches geschieht der Schauspielerin Sarah. Ihre Berichte gleichen sich, sie leiden an Angstträumen, trinken schließlich Unmengen an Wasser, eine Entführung durch Außerirdische steht im Raum, Narben an ihren Köpfen verstärken diesen Verdacht. Lelouch erzählt von einer verunsicherten, ins Dunkel gleitenden Welt, im Prinzip greift er mit diesem Kalter-Krieg-Fiebertraum auf unsere Zeit voraus, eine Zeit, die wieder unter medialer Manipulation und Großmannssucht zu leiden hat, wie es beim Säbelrasseln zwischen den USA und der Sowjetunion in den 80ern bereits der Fall war. Lelouch gelingt eine geheimnisvolle Schwebe, manchmal wird der Ton ein wenig plakativ, faszinierend ist dieser Mix aus aberwitziger Räuberpistole und handfestem Phobienstoff allemal. Und wir erfahren, daß der Dritte Weltkrieg vermutlich allein mit Kaviar verhindert wurde …

Die Prämisse von DIE ZEIT DES VERBRECHENS ist nicht schlecht, klassischer Gangsterstoff eben: Bei der Übergabe von Hehlerware wird Simons Frau erschossen, die Polizei kommt ihm auf die Spur, er muß ins Gefängnis. Dort schmiedet er für die Zeit nach seiner Entlassung Rachepläne. Lelouch erzählt unentschieden zwischen Familiendrama und Gangsterfilm, in naivem Duktus und TV-Look, und unbewußt bewahrheitet sich die Furcht eines Radiosprechers im Film, der am Todestag Jean Gabins hinterfragt: „Wie soll man nun ohne Gabin noch einen anständigen Krimi drehen?“

Wesentlich stimmiger geriet DER LÖWE, man staunt, daß die Filmkritik den Film einst als klebrig, seicht und langweilig beschrieb. Das Gegenteil ist der Fall. Knautschgesicht Jean-Paul Belmondo spielt einen vom Findelkind zum extrem erfolgreichen Unternehmer gewordenen Kerl, der dem Streß entflieht, eine Atlantiküberquerung macht und sein Ableben vortäuscht. Sein Glück wird er in Afrika finden. Manchmal ist der Film ein wenig verschwurbelt im Schnitt, doch vor allem Belmondo und der schrullige Humor lassen dies vergessen, und die Aussteiger-Geschichte, in deren Verlauf Lelouch mit Verve die Figuren herausarbeitet, wird zum hinreißenden Unterhaltungskino. Das Herz darf einem aufgehen, wenn einer, der einst keine Familie hatte schließlich auf gleich zwei setzen kann. Oder drei …

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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