Originaltitel: L’AVENIR

F/D 2016, 100 min
FSK 0
Verleih: Weltkino

Genre: Drama

Darsteller: Isabelle Huppert, André Marcon, Roman Kolinka, Édith Scob

Stab:
Regie: Mia Hansen-Løve
Drehbuch: Mia Hansen-Løve

Kinostart: 18.08.16

6 Bewertungen

Alles was kommt

Die Radikalität der Anderen – eine Frau am Rande des Systemzusammenbruchs

„Für die Foucaults muß ich ins Lager.“ Solche Sätze werden in Nathalies Lebenswelt ganz selbstverständlich gesagt. Sie ist irgend etwas vor oder nach der 60, also in einem Alter, in dem die gutbürgerliche Erziehung bohrende Nachfragen dieser Art verbietet und sich bescheidet mit stillen Gedanken über ungespreizte Eleganz sowie die alterslose Verführungskraft von intellektueller Brillanz. Sie unterrichtet Philosophie an einem Pariser Gymnasium, schreibt erfolgreich für eine Lehrbuchreihe zum Thema. Sie geht mit Blaise Pascal oder Jacques Derrida zu Bett, vielleicht zu den Liedern von Franz Schubert. Sie wacht auf mit ihrem Ehemann Heinz, den sie seit über 25 Jahren mit einer zweiten Geliebten, nämlich der anspruchsvollen Lektüre, teilt. Jetzt ist eine dritte hinzugekommen, wie ihr Heinz gesteht. Er wird ausziehen, neu anfangen, mit einer neuen Frau. Schließlich sind die gemeinsamen Kinder inzwischen erwachsen.

Mia Hansen-Løve erzählt diese „Same Old Story“ beherrscht, vernünftig, ruhig, höchstens mit einer leicht gehobenen Augenbraue. Denn das ist die Tonlage von Nathalie. Mit Mißtrauen begegnet sie allen dramatischen Aufgeregtheiten, etwa den nächtlichen Anrufen ihrer kapriziösen Mutter, einer begnadeten Tragödin in ständiger Angst vor Übergewicht und unangemessener Kleidung. Gefaßt läßt sie sich von jungen, dynamischen Redakteuren erklären, daß ihre Lehrbücher (Natürlich nicht inhaltlich, Madame!) der Renovierung bedürfen. Gereizt nimmt sie den gesellschaftskritischen Überschwang ihrer Schüler zur Kenntnis, die vor lauter Protest beinahe den Unterricht versäumen. Abgeklärt hört sie sich die hochtrabenden Pläne von Fabien an, ihrem ehemaligen Lieblingseleven, der von einem ökologisch und politisch bewußten Kommunenleben in den französischen Alpen träumt. Aber wovon träumt Nathalie?

„Wehe Dem, der nichts mehr zu wünschen hat!“, heißt es in Rousseaus Briefroman „Julie ou la Nouvelle Héloïse.“ Nathalie muß ihre Wünsche neu definieren – ohne den Ehemann, bald auch ohne die Mutter, die sich der Seniorengemütlichkeit im Altersheim durch Tod entzieht. In Mia Hansen-Løves Film, der Frauenporträt, Generationenbefragung und bissig-komische Milieustudie zur selben Zeit ist, liegen die philosophischen Wahrheiten herum wie anderswo vergessene Schlüssel oder ausgelutschte Kugelschreiber. Sicher, sie gehören zum Ausstattungsprogramm für Intellektuellenwohnungen, stehen für Beruf und Berufung. Hier aber führen sie wie Krümelspuren, nur scheinbar beiläufig fallengelassen, zum Ende aller Gewißheiten.

Diese trügerische Beiläufigkeit ist der Sound, mit dem Hansen-Løve Kunst und Sinn macht – sehr französisch, sehr heutig und in jeder Hinsicht klug. Denn in diesem Sound, in den langen Einstellungen, den unaufgeregten Bildern klingt nicht nur die sehr persönliche Verunsicherung einer Belesenen mit, sondern auch so etwas wie kollektive postrevolutionäre Melancholie. Tja, wo ist er hin, der Widerspruchsgeist, mit dem die Altachtundsechziger einst gegen alles (Bildungs-)Bürgerliche anrannten? Er hat sich am ganz normalen Leben mit Familie, Karriere und Alltag abgenutzt. Er steht griffbereit in den Bücherregalen von Nathalie, Heinz und ihren Altersgenossen, seltsam gezähmt. Und er verhilft Hansen-Løves Schlußszene, einem Kamera-Festakt für einen geschmückten Weihnachtsbaum, zu bittersüßer Abgründigkeit.

Darf man sich Nathalie anders als im Körper von Isabelle Huppert vorstellen? Nein! Denn wer sonst wäre imstande, all diese Komplexität in nur einer Figur zu versammeln? Und zwar, ohne den Gestenapparat für „Frauen in den besten Jahren unter schwierigen Umständen“ zu bedienen. Huppert beherrscht das Schweben ebenso wie das Gehen. Sie bringt ihre Nathalie in Bewegung, egal, ob im Auto oder am Schreibtisch. Sie kann tonlose Wut, unterdrücktes Lachen und unausgesprochene Dialoge. Sie kann eine dicke, entlaufene Katze so selbstverständlich suchen wie den springenden Punkt in einem Text von Voltaire. Sie kann einen Film wie diesen mitdenken, einfach so.

[ Sylvia Görke ]

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