CH/F 2016, 90 min
FSK 12
Verleih: Film Kino Text

Genre: Drama

Darsteller: Georg Friedrich, Tilde von Overbeck, Kamil Krejci

Regie: Tobias Nölle

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Aloys

Der Detektiv, das Mädchen am Telefon und die Risse in der Vakuumverpackung

Um diesen Aloys ist eine Aura, die auf Distanz hält. In jeder seiner verknappten Gesten, in jedem der gern in der dritten Person geäußerten Schrumpfsätze („Man dankt!“) dieses durch die Gegend schleichenden Unscheinbaren schwingt ein „Kommt mir nicht zu nah, bleibt mir vom Hals!“ Als hätte der Aloys, dessen gerade verstorbener Vater zeitlebens seine einzige wirkliche Bezugsperson war, sich selbst in einer Vakuumverpackung eingeschweißt, aus der heraus er, sich dem Leben entziehend, das Leben anderer Menschen beobachtet.

Letzteres freilich berufsbedingt. Denn der Aloys ist ein Privatdetektiv. Ausgestattet mit einer staatlich anerkannten Lizenz und sogar mit genug tristen Aufträgen, um sein tristes Dasein im Plattenbauappartement zu finanzieren. Darüber hinaus aber ist der Aloys im Private-Eye-Kinokosmos echt ein Schnüffler von der ganz traurigen Gestalt, der hier ein famoser Georg Friedrich Kontur und Substanz verleiht.

Der österreichische Schauspieler ist ein Glücksfall für den schweizerischen Regisseur Tobias Nölle, der mit ALOYS sein Langfilmdebüt gibt. Eine Geschichte aus einer irgendwie zeitlos anmutenden Gegenwart erzählend. In der reihen sich Videokassetten in braunfurnierter Anbauwand, betrinkt man sich bevorzugt mit „Jägermeister“ aus der Pulle, lastet oft eine gespensterhafte Großstadtstille auf den Ohren, ist das Wetter neblig kalt, bescheint bleiches Neonlicht schmucklose Treppenhausfluchten. Und bekommt der Aloys bald Anrufe von einer geheimnisvollen Fremden, die ihm erst Bedrohung sind, dann Verheißung werden. Und die gefährliche Risse in die Abschottung reißen, hinter der Aloys sich verbirgt.

Distanz und Intimität. ALOYS ist ein Film, der, wie sein Antiheld erst geradezu vakuumverpackt wirkend, sich nach und nach, still und konzentriert, fast operativ, aus seiner gekonnt kunstvoll inszenierten Distanz-Membran herausseziert. Der zunehmend die Außen- und Innenwelt mischt, Perspektiven zerfließen läßt, das Psychodrama auch surreal forciert, dabei aber seinen gedämpft traumwandlerischen Erzählstil beibehält. Bis hin zum starken Schlußbild. Das ist suggestiv und auch berührend, und daß etwa der Aloys mit Nachnamen Adorn heißt, ist in einem Film, der ja nicht zuletzt vom richtigen und falschen Leben erzählt, durchaus auch ein Symptom für dessen Humor. Einen recht eigentümlichen, versteht sich.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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